Über den Begriff Terrorismus Der Terrorist und der Freiheitskämpfer

Molenbeek wird gern als Europas Terror-Viertel bezeichnet, Islamisten als Terror-Verdächtige. Der Begriff Terrorismus ist in aller Munde - dabei fehlt eine einheitliche Definition.
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Der Terrorist und der Freiheitskämpfer
Von Carolin Henkenberens

Molenbeek wird gern als Europas Terror-Viertel bezeichnet, Islamisten als Terror-Verdächtige. Der Begriff Terrorismus ist in aller Munde - dabei fehlt eine einheitliche Definition.

Molenbeek wird gern als Europas Terror-Viertel bezeichnet, Islamisten als Terror-Verdächtige. Und wenn ein Attentat geschieht, schreiben Medien und Politiker von der Terrororganisation Daesch. Wohl kein Begriff erlebte in den vergangenen Jahren eine solche Konjunktur wie jener des Terrorismus. Selbst in den alltäglichen Sprachgebrauch ist er übergegangen, wenn wir Psycho- oder Konsumterror beklagen. Dabei ist Terrorismus einer der umstrittensten Begriffe in der Politik.

Der Terrorist des Einen wird zum Freiheitskämpfer des Anderen, sagte der einstige US-Präsident Ronald Reagan in Bezug auf die nicaraguanischen Contras. Washington unterstützte die Rebellen, für die linke Regierung der Sandinisten waren sie Terroristen. Ein anderes Beispiel ist Yassir Arafat. Der einst als Terrorist bezeichnete PLO-Anführer, dessen Organisation für die Ermordung israelischer Olympioniken verantwortlich zeichnete, wurde später zum Friedensnobelpreisträger.

Das Urgestein der Terrorismus-Forschung, Walther Laqueur, kam bereits in den 1970er-Jahren zu dem Schluss, dass es eine allgemeine Definition von Terrorismus nicht gibt und auch nicht geben kann. Sein niederländischer Kollege Alex P. Schmid formierte aus 109 Begriffsdefinitionen im Jahr 1988 eine neue, doch es half nicht. Die Definitionssuche ging weiter. Selbst die Vereinten Nationen mahnen: „Ein terminologischer Konsens wäre für eine Konvention gegen Terrorismus notwendig.“

Terroristen wollen Furcht und Schrecken erzeugen

Laqueur schreibt sehr allgemein von Terrorismus als „Anwendung von Gewalt durch eine Gruppe [...], die zu politischen oder religiösen Zwecken gewöhnlich gegen eine Regierung, zuweilen auch gegen andere ethnische Gruppen, Klassen, Religionen oder politische Bewegungen vorgeht“. Später ergänzte er noch, dass der neue Terrorismus der digitalen Welt stark geprägt sei von religiösen Ideologien, dass die Opfer willkürlich ausgewählt werden und dass Terroristen des 21. Jahrhunderts immer öfter wirksame Waffen haben.

Einigkeit besteht darüber, dass Terroristen Furcht und Schrecken erzeugen wollen. Die wiederholt ausgeführte Gewalt soll, schreibt Alex P. Schmid, eine Nachricht übermitteln. Daesch nutzt dies exzessiv, veröffentlicht Hinrichtungsvideos und professionelle Werbeclips über das Leben in seinem Gebiet.

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Warum jedoch finden die Wissenschaftler keine gemeinsame Terrorismus-Definition? Dies hat politische Gründe, sagt Christopher Daase von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) aus Frankfurt am Main. Wer als Terrorist betitelt wird, sei nicht nur kriminell, auch seine politische Absicht hinter den Taten werde mit der Bezeichnung Terrorist infrage gestellt. Wer jedoch befindet darüber, was legitim ist?, fragt er. Darf derjenige, der die Macht hat, Legitimität zu definieren, auch bestimmen, was Terrorismus ist? Politischer Missbrauch des Begriffs sei möglich, müsse aber in Kauf genommen werden.

Denn sonst, sagt Daase, sei keine Unterscheidung zu Guerillakriegen möglich, deren Strategie militärisch und nicht psychologisch ist. Schmid macht den Vorschlag, über die Richtigkeit von Gewalt anhand der Definition von Kriegsverbrechen zu entscheiden. Terrorismus sei dann, wenn diese Gewalt in Friedenszeiten auftrete.

Ist auch staatlicher Zwang Terrorismus?

Ein zweiter Streitpunkt: Kann Terrorismus nur als solcher bezeichnet werden, wenn er von nicht-staatlichen Gruppen ausgeht? Oder ist auch staatlicher Zwang Terrorismus? Während der Französischen Revolution meinte „Terreur“ Gewalt, die vom Wohlfahrtsausschuss unter Robespierre ausging und das Volk gefügig machen sollte. Die Historie zeigt, dass Diktatoren oft deutlich mehr Todesopfer forderten als aufständische Gruppierungen. Vertreter dieser Argumentationsweise sehen staatliche Repression als Ursache für gewalttätige, terroristische Aktionen. Ein Beispiel: Palästinensische Gewalt sei dieser Denkart folgend eine Konsequenz der israelischen Besatzung.

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Der Auffassung, dass Terrorismus auch vom Staat ausgehen kann, widerspricht Peter Waldmann, emeritierter Soziologe der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er versteht unter Terrorismus Gewalt, die gegen den Staat gerichtet ist, weil sie die bestehende Ordnung zu Fall bringen will. Sie kann also logischerweise nicht von der Ordnung selbst ausgehen. Nun ließe sich sagen: Es gibt verschiedene Arten von Terrorismus, staatlichen und nicht-staatlichen. Weil diese Unterscheidung nicht gemacht werde, argumentiert Daase, sei es kein akademischer, sondern ein politischer Streit um Überzeugungen.

Salafisten stellen eine neue Art des Daesch dar

Seit dem 11. September 2001 hat sich die Diskussion verschärft. Die Anschläge bedeuteten eine Zäsur für die Weltpolitik. Natürlich gab es auch schon vorher Terrorismus, jenen der RAF, der spanischen ETA oder der Roten Brigaden in Italien, aber dieser richtete sich gegen einen bestimmten Staat und blieb lokal. Nach den Anschlägen in Madrid 2004 und in London 2005 war jedoch klar: Al Kaida hat es nicht allein auf die USA abgesehen, sondern auf die westliche Welt, auf unsere freiheitliche Lebensweise. Das Ziel transnationaler terroristischer Gruppen wie Al Kaida ist es nicht, die nationale Ordnung zu stürzen, sondern die weltweite.

Auch Daesch will die weltweite Ordnung zu Fall bringen, verübt Anschläge, verbreitet Terror. Doch die fundamentalen Salafisten stellen eine neue Art der Terrororganisation dar. Mit Daesch sei eine Bewegung entstanden, die durch alle traditionellen Analyse­muster falle, schreibt die HSFK in einer aktuellen Veröffentlichung. Sie bedienen sich Guerilla-Taktiken und weisen staatliche Strukturen auf.

Nach gängigen Definitionen greifen Terroristen ein System an, wollen sich aber nicht territorial erweitern. Daesch schon. Anders als andere transnationale Terrorgruppen ist Daesch nicht dezentral organisiert, schreibt der Osnabrücker Forscher Ulrich Schneckener. Stattdessen besteht eine hierarchische, staatsähnliche Struktur. Ebenso neu: Daesch verfügt über enorme finanzielle Ressourcen. Das Beispiel zeigt, dass Terrorismus immer wieder neue Formen annimmt.

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