Schottland

Der tiefe Fall des Alex Salmond

Schottlands Ex-Regierungschef Alexander Salmond muss sich seit Montag vor Gericht verantworten, weil ihm zehn Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen.
09.03.2020, 19:16
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Der tiefe Fall des Alex Salmond
Von Katrin Pribyl

London. Für mehr als 30 Jahre stand er als gefeierter Politiker im Blitzlichtgewitter, beeinflusste den Lauf der schottischen Politik wie kein anderer. Als Alex Salmond am Montag im dunklen Mantel und mit einem gequälten Lächeln die letzten Meter zum High Court in Edinburgh und damit zum obersten Strafgericht des Landesteils schritt, klickten abermals die Kameras der wartenden Fotografen. Doch derzeit geht es ausnahmsweise nicht um die Unabhängigkeit Schottlands, Salmonds Lebensthema. Vielmehr kämpft der 65-Jährige in den nächsten Wochen um seine Freiheit, seine Reputation, sein Vermächtnis.

Dem ehemaligen Chef der Regionalregierung und früheren Vorsitzenden der Scottish National Party (SNP) wird eine Vielzahl sexueller Übergriffe vorgeworfen, die von 2008 bis 2014 und damit während seiner Amtszeit stattgefunden haben sollen. Zehn Frauen beschuldigen Salmond, sie belästigt zu haben – unter anderem im Bute House, der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten, wie auch in einem Restaurant in Glasgow, in einem Nachtclub in Edinburgh, in einem Auto und im auf dem Schlossberg liegenden Stirling Castle in Schottland. Insgesamt liegen 14 Anklagepunkte vor, darunter versuchte Vergewaltigung einer Frau 2014 in seinem offiziellen Amtssitz sowie eine sexuelle Nötigung mit Vergewaltigungsabsicht. Bei den mutmaßlichen Opfern soll es sich Berichten zufolge um ehemalige Mitarbeiterinnen handeln. Salmond hat die Vorwürfe stets entschieden zurückgewiesen. Er sei unschuldig und werde sich „bis zum Äußersten“ verteidigen, sagte er im vergangenen Jahr.

Es handelt sich um den tiefen Fall eines einst umjubelten Politikers. Salmond galt nicht nur als das Gesicht der schottischen Unabhängigkeitsbewegung, sondern war auch deren leidenschaftlicher Vorkämpfer. Von 2007 bis 2014 führte er die Regionalregierung Schottlands und setzte das Referendum bei der britischen Regierung durch. Ohne ihn, da sind sie sich im Norden einig, hätten die Separatisten niemals jene politischen Erfolge verzeichnet, die ihnen zuvor kaum jemand zugetraut hatte. Nach der Niederlage der Ja-­Kampagne 2014 gab er seinen Posten auf, seine politische Ziehtochter Nicola Sturgeon übernahm. Doch die Karriere des begnadeten Rhetorikers sollte keineswegs zu Ende sein. 2015 zog er als Abgeordneter ins britische Parlament ein, zur allgemeinen Überraschung aber verlor er seinen Posten bei den von Ex-­Premierministerin Theresa May ausgerufenen Neuwahlen 2017 wieder. Der Abstieg begann. Im Jahr 2018 schon erhoben zwei ehemalige Mitarbeiterinnen Vorwürfe gegen Salmond, er habe sie während seiner Zeit als Ministerpräsident sexuell belästigt. Die SNP-Regierung von Sturgeon hatte damals nach einer internen Untersuchung die Polizei eingeschaltet. Die Ministerpräsidentin, die auf eine ernsthafte Prüfung der Beschwerden gepocht hatte, bezeichnete die ganze Situation als „sehr traurig“ für sie.

Salmond, verheiratet mit der 17 Jahre älteren Moira, bestritt stets jegliches Fehlverhalten, trat aber trotzdem aus der SNP aus, um Schaden von der Partei abzuwenden und der Opposition keine Angriffsfläche zu bieten, wie er sagte. Außerdem wolle er mit seinem Schritt eine Spaltung der Partei vermeiden. „Ich liebe die SNP und die Unabhängigkeitsbewegung in Schottland. Sich für sie zu engagieren, hat mein Leben bestimmt“, meinte er bei seinem Abschied aus der Partei im August 2018.

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