Kommentar über internationale Politik

Der Untergang der westlichen Weltordnung

Der Untergang der westlichen Weltordnung wird nirgends so deutlich wie im Nahen und Mittleren Osten. Das voller Hoffnung gestartete Projekt ist gescheitert, analysiert Birgit Svensson.
12.01.2021, 05:00
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Der Untergang der westlichen Weltordnung
Von Birgit Svensson

Es ist nicht die Corona-Pandemie, die das Ende der westlichen Weltordnung erkennen lässt, obwohl gerade Europa und die USA stark von ihr betroffen sind und besonders verletzlich auf das Virus reagieren. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Krise sind noch nicht mal absehbar, obwohl schon jetzt ein renommiertes Forschungsinstitut voraussagt, dass China die USA bis 2028 wirtschaftlich überholt haben wird. Diese Entwicklung sei eine direkte Folge von Covid-19.

Doch der Untergang der westlichen Weltordnung ist schon seit Langem in vollem Gange. Manche verorten den Abstieg mit dem Fall der Sowjetunion und der Berliner Mauer. Nun habe auch der Kapitalismus seine Existenzberechtigung verloren, sagten einige damals. Absurd, erwiderten die meisten, denn gerade hatten Karl Marx und der Sozialismus abgedankt, Kapitalismus und Demokratie feierten Triumphe.

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Die USA wurden zur unumstrittenen alleinigen Supermacht auf dem Planeten. Ein gutes Vierteljahrhundert später ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Der Westen existiert zwar weiterhin geografisch. Als geopolitische Macht und stiftende Einheit ist er jedoch rapide geschrumpft, löst sich womöglich gänzlich auf oder erfindet sich vielleicht – hoffentlich – neu. Der Glaube, dass Europa und die USA den Gang der Welt bestimmen, hat sich jedenfalls als Hochmut erwiesen.

„Die Sache der Amerikaner begann in den frühen Morgenstunden des 9. Dezember 1992 am Strand von Mogadischu“, schreibt Andrea Böhm in ihrem Buch „Das Ende der westlichen Weltordnung“. Die „Zeit“-Korrespondentin beschreibt darin die westliche Aufbruchstimmung und Siegestrunkenheit der 1990er-Jahre anhand der Froschmänner und US-Marines, die den Wellen des Indischen Ozeans entstiegen, Schnellfeuergewehre in den Händen, die Gesichter mit Tarnfarbe beschmiert. Als Vorhut einer mehrere Tausend Mann starken Truppe sollten sie eine neue Ära einläuten, die Schaffung einer neuen Weltordnung, in der die Herrschaft des Rechts die Herrschaft des Dschungels ersetze. Hungersnöte und Bürgerkriege sollten der Vergangenheit angehören.

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„Die Somalis ahnten nicht, dass das Weiße Haus gerade sie für den Beginn der neuen Weltordnung auserkoren hatte“, schreibt Böhm. Die Operation „Restore Hope“, die Hoffnung wiederherstellen sollte, scheiterte und war der bis dahin verlustreichste Kampfeinsatz des US-Militärs seit dem Vietnamkrieg. Aus westlicher Sicht sei die Zäsur des Jahres 1989 längst verdrängt worden durch die Zäsur des 11. September 2001, schlussfolgert Böhm. Der Hunger sei dem Krieg gegen den Terror untergeordnet worden.

Tatsächlich wird der Untergang der westlichen Weltordnung nirgends so deutlich wie in der Region, wo der Terror tobt: im Nahen und Mittleren Osten. Mit dem Einmarsch amerikanischer und bri­tischer Truppen in den Irak 2003 sollte die Region unwiderruflich in die Einflusssphäre des Westens eingegliedert werden – militärisch, wirtschaftlich, politisch, kulturell. Der Irak sollte hierfür als Schlüsselland dienen. Zwar hatten Briten und Franzosen bereits nach dem Ersten Weltkrieg dort ihre Pflöcke in die Erde gerammt, doch eine gefestigte Bastion westlicher Interessen ist nie daraus geworden.

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Das sollte sich nach 2003 ändern. Nicht nur das Öl wollten US-Präsident George W. Bush und die Hardliner seiner Regierung unter ihre Kontrolle bringen. Amerikanische Militärbasen sollten eine Dauerpräsenz gewährleisten. Das politische Ziel war die Einführung der Demokratie als Heilsbringer gegen die zumeist despotischen Regime in der Region. Wie ein Domino-Effekt sollte der Irak hierfür dienen. Die anderen Steine, so Bush, würden dann automatisch fallen.

Heute ist klar, dass das Projekt gründlich gescheitert ist. Keines der Ziele konnte verwirklicht werden. Die Amerikaner ziehen sich derzeit aus der Region fast gänzlich zurück, die Briten haben es bereits getan. Zurückbleiben werden gestärkte Despoten in Damaskus, Teheran, Riad, Dubai, Doha, Ankara und Kairo – und vielleicht die Erinnerung an einen Hauch von Freiheit.

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