Dürre in Afrika Der Waldmacher

Der Australier Tony Rinaudo kämpft mit erstaunlichem Erfolg gegen die Dürre in Afrika. Mit einer von ihm entdeckten Methode sind seit 1983 auf einer Fläche von über sechs Millionen Hektar Bäume zurückgekehrt.
24.09.2018, 21:37
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Von Philipp Hedemann

„Als ich das erste Mal hier war, gab es keinen einzigen Baum.“ Tony Rinaudo ist verzückt wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, als er aus der unbarmherzig brennenden Sonne in die Kühle des Waldes von Humbo tritt. Hier, im Süden Äthiopiens, spenden die Bäume nicht nur Schatten, sie sind auch der Beweis dafür, dass Rinaudo recht hatte und dass sein jahrzehntelanger Kampf für die Wiederbegrünung Afrikas nicht vergebens war.

Mit einer von ihm entdeckten Methode sind seit 1983 auf einer Fläche von mehr als sechs Millionen Hektar Bäume zurückgekehrt. Der australische Waldmacher hat so Millionen Menschenleben verbessert – und sich dennoch viele Feinde gemacht. Jetzt wird Rinaudo für sein Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wird.

Alles fing mit einem Flugzeug und einem Bulldozer an. Das Flugzeug sprühte in der Nähe der australischen Stadt Wangaratta Insektenvernichtungsmittel auf eine Tabakplantage, der Bulldozer schob einen Wald zur Seite, damit auf der entstehenden Brachfläche Monokulturen angelegt werden können. Der damals achtjährige Tony beobachtete, wie die Kängurus flüchteten und die Fische im nahe gelegenen Fluss am Insektenvernichtungsmittel starben.

"Gegen den Hunger musst du Bäume pflanzen"

Später sah er im Fernsehen, dass Kinder in Indien und Afrika starben und dachte sich: „Mit den Werten der Erwachsenen stimmt etwas nicht. Sie zerstören die Natur und bauen Kraut zum Rauchen an, während Kinder verhungern.“ Der gläubige Junge betete und bat seinen Gott: „Mach’ mich zu deinem Werkzeug, um die Welt besser zu machen.“

Um das beste Werkzeug im Kampf gegen den Hunger zu sein, studierte Rinaudo Landwirtschaft. Als er seinen Abschluss in der Tasche hatte, schickte eine Missionarsgemeinschaft den damals 24-Jährigen in den Niger, eines der ärmsten Länder in der Sahelzone.

„Gegen den Hunger musst du Bäume pflanzen. Nur so kann die Ausbreitung der Wüste aufgehalten werden“, hatte Rinaudo im Studium gelernt. Und so machte er, was vor ihm Tausende Entwicklungshelfer getan hatte: Er pflanzte Bäume. Wie seine Vorgänger versenkte er viel Geld und Arbeit im Boden. „Ich habe 6000 Bäume pro Jahr gepflanzt. Wahrscheinlich kann man an einer Hand abzählen, wie viele heute noch leben“, sagt Rinaudo.

Der fromme Baumpflanzer begann, mit seinem Gott zu hadern. „Zeig‘ mir endlich, wie ich helfen kann“, betete er, als er mit seinem Geländewagen und einem Anhänger voller Setzlinge unterwegs war. Als die Piste immer schlechter wurde, musste Rinaudo anhalten, um Luft aus den Reifen zu lassen, damit er mit dem Wagen nicht im Sand stecken blieb. Als er sich niederkniete, entdeckte er, dass mitten in der Wüste aus einem Baumstumpf ein Trieb wuchs.

Rinaudo sah sich um und entdeckte, dass überall winzige Triebe aus dem Sand sprossen. Unter der Wüste verbarg sich ein dichtes Wurzelwerk. Die kaum sichtbaren Triebe waren nur die Spitze des Eisberges oder wie man in Afrika sagt: die Ohren des Nilpferdes. „Zwei Jahre lang hatte ich diesen unterirdischen Wald nie gesehen. Endlich hatte Gott mir die Augen geöffnet“, erzählt der Missionar.

Anstatt Bäume zu pflanzen, die im trockenen Boden fast nie Wurzeln schlagen, beschloss er, fortan die bereits verwurzelten Pflanzen zu schützen und mit einer einfachen Beschneidungstechnik großzuziehen. Die Idee war so gut wie einfach. Vielleicht zu einfach. Denn Rinaudo stieß nur auf Widerstand.

Nur zehn Bauern

Als er im Niger anfing, Sträucher zu beschneiden, verspotteten die Bauern ihn zunächst als den verrückten weißen Farmer. „Kein Wunder, dass sie mir misstrauen. Jahrzehnte hatten Weiße ihnen erzählt, dass sie die Bäume auf ihren Feldern fällen müssen, um mehr zu ernten. Und plötzlich kommt eine andere Weißnase und erzählt ihnen, dass sie die Bäume stehen lassen sollen, um ihre Ernten zu steigern“, sagt Rinaudo.

Zunächst ließen sich nur zehn Bauern auf die Vision des „verrückten Tonys“ ein. Doch als schwere Dürren das Land heimsuchten, waren sie es, die auf ihren Feldern dennoch gute Ernten erzielten. Die Wurzeln der Bäume hatten das letzte bisschen Feuchtigkeit im Boden gespeichert und die Erosion gestoppt. Die Blätter hatten Schatten gespendet, die Ziegen ernährt und den Boden gedüngt. Als die anderen Bauern dies sahen, zogen sie nach.

Mittlerweile betreiben alleine im Niger über eine Million Bauern auf rund fünf Millionen Hektar Landwirtschaft unter Bäumen. Chris Reij, niederländischer Experte für nachhaltiges Landmanagement vom renommierten World Ressources Institute in Washington, nennt diese Wiederaufforstung „die wohl größte Umweltveränderung in Afrika in den letzten hundert Jahren“. Der Wissenschaftler: „Man kann den Unterschied zwischen der Prä- und der Post-Tony-Zeit sogar aus dem Weltall sehen. Satellitenbilder zeigen, wie Wüste zu Wald wurde.“ Die Bauern des Niger bedankten sich mit einem neuen Spitznamen bei Rinaudo. Als er nach 17 Jahren das Land verließ, nannten sie ihn nicht mehr „verrückter weißer Farmer“, sondern „Chef aller Bauern“, viele tauften ihre Söhne ihm zu Ehren auf den Namen Tony.

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Seitdem Rinaudo sah, dass die alte afrikanische, aber durch die Kolonialisierung in Vergessenheit geratene Methode das Zeug hat, Afrika zu begrünen, hat der ehemalige Missionar eine neue Mission. Doch jahrelang war er zu schüchtern, um über seine Erfolge zu sprechen. So gehörte seine Wiederbegrünungstechnik lange zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Entwicklungshilfe. Regierungen und Hilfsorganisationen brüsteten sich lieber damit, wie viele Bäume sie gepflanzt hatten. Wie viele Setzlinge die erste Trockenphase überlebten, verschwiegen sie hingegen verschämt.

Weil es ein Eingeständnis gewesen wäre, dass Pflanzprojekte, in die Milliarden Euro gesteckt wurden, gescheitert sind, hörten Entwicklungshilfeorganisationen und Forscher zunächst kaum auf den kauzigen Australier. Auch afrikanische Regierungen, denen immer wieder eingebläut worden war, dass ihre Methoden Ansätzen aus dem Westen unterlegen seien, hatten zunächst wenig Interesse. Zudem fließt beim Schutz viel weniger Geld als bei der Pflanzung von Bäumen. Somit konnte auch weniger in den Taschen von korrupten Beamten verschwinden.

Der äthiopische Bauer Ergene Sorsa ist glücklich, dass Hilfsorganisationen wie World Vision endlich die Vorteile der Beschneidungstechnik erkannt haben. Während er im neugewachsenen Wald auf dem noch vor neun Jahren völlig kahlen Hügel oberhalb Humbos zusammen mit Rinaudo Bäume beschneidet, erzählt er dem Entwicklungsexperten, dass er seine Ernten oft verdoppeln konnte, seitdem er mit anderen Bauern den Wald aufgeforstet hat. Überschwemmungen und Erdrutsche zerstörten seitdem nicht mehr ihre Ernten. Seit der verheerenden Hungersnot, die 1984 in Äthiopien eine Million Menschen tötete, waren sie jedes Jahr auf Hilfslieferungen angewiesen. 2012 hingegen konnten die stolzen Bauern erstmals selbst Überschüsse an das Welternährungsprogramm der UN verkaufen. Zudem seien die Kinder seltener krank, und es gäbe viel weniger Streit, seitdem die Bäume dafür sorgen, dass alle satt werden, sagt Ergene Sorsa. Rinaudo lächelt.

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Zur Sache

Alternativer Nobelpreis vergeben

In diesem Jahr ehrt der Alternative Nobelpreis unermüdliche Kämpfer gegen Korruption, Totalitarismus und die Dürre in Afrika. „In einer Zeit alarmierender Umweltzerstörung und des Versagens politischer Führung zeigen unsere Preisträger einen Weg in eine andere Zukunft“, erklärte Preisstifter Ole von Uexküll in Stockholm. Der Right Livelihood Award – eine Auszeichnung in kritischer Distanz zu den traditionellen Nobelpreisen – geht 2018 nach Guatemala, Niger, Australien und erstmals nach Saudi-Arabien.

Den undotierten Ehrenpreis erhalten die Juristen Thelma Aldana und Ivan Velásquez, weil sie in Guatemala Machtmissbrauch aufdecken und Korruption verfolgen. Velásquez leitet die Internationale Kommission gegen Straflosigkeit der Vereinten Nationen (Cicig). Aldana war bis zum Frühjahr Generalstaatsanwältin in dem zentralamerikanischen Land und stieß zusammen mit Velásquez Ermittlungen gegen den inzwischen inhaftierten Präsidenten Otto Perez Molina an.

Die mit je rund 96 000 Euro dotierten Geldpreise gehen an den Bauern Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso und den Australier Tony Rinaudo, die sich beide dafür einsetzen, dass dürres, unfruchtbares Land in Afrika landwirtschaftlich genutzt werden kann. Sawadogo sei bekannt als „der Mann, der die Wüste aufhielt“, erklärte die Stiftung. Er habe Bauern in Afrika geholfen, ihr Land wieder fruchtbar zu machen – und damit den Frieden in der Sahel-Zone unterstützt.

Zum ersten Mal werden mit dem Preis zudem Menschenrechtskämpfer aus Saudi-Arabien ausgezeichnet: Abdullah al-Hamid, Mohammed Fahad al-Kahtani, Walid Abu al-Chair bekommen ihn, weil sie friedlich das autoritäre System ihres Landes heraus- und Menschenrechte einfordern.

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