Kommentar über Lebensmittelverschwendung Der Wegwerfwahnsinn muss ein Ende haben

Jeder Deutsche wirft im Jahr 85 Kilogramm Essen weg. Dieser Zustand ist nicht länger haltbar, findet Imke Wrage. Wie wir der Lebensmittelverschwendung künftig den Kampf ansagen müssen.
13.06.2019, 13:13
Lesedauer: 3 Min
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Der Wegwerfwahnsinn muss ein Ende haben
Von Imke Wrage

Ein Drittel aller weltweiten produzierten Nahrungsmittel landet jährlich auf dem Müll. In den europäischen Ländern summiert sich das weggeworfene Essen auf rund 90 Millionen Tonnen, allein die Deutschen entsorgen jedes Jahr rund 18 Millionen Tonnen. Um zu verstehen, wie entsetzlich viel das ist, helfen zwei Vergleiche: Würde die Menge der weggeworfenen Lebensmittel aus der EU auf einen Lastwagen geladen, reichte die Kolonne einmal um den Äquator. Schlimmer noch: Sie wäre ausreichend, um alle Hungernden auf der Welt satt zu bekommen – und zwar doppelt. Dieser Zustand ist nicht länger haltbar. Wir müssen der Lebensmittelverschwendung den Kampf ansagen.

Das denken sich auch sogenannte Containerer. Containern oder auch Mülltauchen heißt, dass Menschen sich entsorgte Lebensmittel aus den Tonnen der Supermärkte holen. Viele davon sind nämlich noch genießbar und gehören eigentlich gar nicht in den Müll. Bananen haben lediglich kleine braune Flecken, Äpfel eine Delle, Salate ein welkes Blatt. Joghurt und Käse sind meist original verpackt, teils mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Vermeintlich kleine Schönheitsfehler haben entschieden: Statt auf dem Teller landen sie in der Tonne.

Manche Menschen sind auf diese Form der Nahrungsbeschaffung angewiesen. Für einige, überwiegend junge Menschen, ist sie zur Lebenseinstellung geworden: Sie wollen nicht länger zusehen, dass noch genießbare Nahrungsmittel im Müll landen. Doch Essen zu retten ist in Deutschland verboten. Nach bisheriger Rechtslage handelt es sich bei den Lebensmitteln um „fremde bewegliche Sachen“. Mit der Entsorgung gibt ein Supermarkt sein Eigentum daran nicht auf. Mehrfach mussten sich Mülltaucher in Deutschland schon wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs vor Gericht verantworten. In Einzelfällen ergingen Geldstrafen.

Anfang Juni wurde auf der Konferenz der Justizminister der Bundesländer diskutiert, ob sich das künftig ändern soll. Einen entsprechenden Antrag zur Legalisierung hatte der Hamburger Justizsenator Till Steffen (Grüne) eingereicht. Leider ohne Erfolg. Der Vorstoß scheiterte am Widerstand der unionsgeführten Justizministerien. Menschen, die noch genießbare Lebensmittel aus der Tonne angeln, bestraft man also weiterhin. Für diejenigen hingegen, die sie achtlos wegwerfen und verschwenden, hat das keine rechtlichen Konsequenzen. An Absurdität ist das kaum zu übertreffen.

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Das Bremer Kaufhaus Lestra setzt nun ein schönes Zeichen. Dort ist das Containern seit dieser Woche ausdrücklich erlaubt. Dennoch: Zu denken, dass die Legalisierung von Containern allein reicht, um der Lebensmittelverschwendung zu begegnen, wäre naiv. Wir müssen uns die Frage stellen, warum in den Abfallcontainern der Supermärkte jeden Tag überwältigende Mengen einwandfreier Nahrungsmittel landen – und was wir uns von manch anderem EU-Land abschauen können.

Beispiel Frankreich: Hier gilt seit 2016 ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Demnach müssen Supermärkte mit mehr als 400 Quadratmetern Ladenfläche unverkaufte Nahrungsmittel an gemeinnützige Organisationen abgeben. Alternativ verkaufen sie die Produkte kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums zu reduzierten Preisen. In deutschen Supermärkten gilt diesbezüglich das Prinzip der Freiwilligkeit. Dabei wären ein Wegwerfverbot und die verstärkte Kooperation mit gemeinnützigen Organisationen auch hierzulande dringend nötig. Auch hierfür gibt es in Bremen schon gute Beispiele: Die Bio-Supermarkt-Kette Aleco verschenkt abgelaufene Lebensmittel an Mitarbeiter. Viele Bäckereien und Supermärkte beteiligen sich außerdem an sogenannten Foodsharing-Angeboten. Sie bieten ihre Waren kurz vor Ladenschluss beispielsweise über die App „Too Good To Go“ (deutsch: zu gut zum Wegwerfen) günstiger an.

Doch nicht nur Supermärkte stehen in der Verantwortung, etwas zu ändern. Auch (oder vor allem) Verbraucher müssen ihren Umgang mit Lebensmitteln überdenken. Neue Berechnungen der Universität Stuttgart zeigen, dass jeder Deutsche jährlich durchschnittlich 85,2 Kilogramm Essen wegwirft. Dabei wären Forschern zufolge rund 40 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel durch einen bewussteren Konsum vermeidbar. Demnach müssten sich Verbraucher viel häufiger fragen: Muss es wirklich immer die gerade gewachsene Gurke sein? Müssen die Supermärkte wirklich bis Ladenschluss prall gefüllt sein? Und: Kaufe ich wirklich nur das, was ich auch esse?

Um dem Wegwerfwahnsinn zu begegnen, müssen wir also umdenken – und zwar auf mehreren Ebenen. Das fängt beim Anbau und der Produktion von Lebensmitteln an, geht beim bewussteren Einkaufen im Supermarkt weiter und endet beim Blick in den eigenen Kühlschrank.

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