Bremen Der Westen ist für die Ostdeutschen nicht mehr attraktiv

Die Abwanderung aus den neuen Bundesländern in den Westen ist so niedrig wie noch nie. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor.
29.01.2017, 00:00
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Der Westen ist für die Ostdeutschen nicht mehr attraktiv
Von Markus Decker

Die Abwanderung aus den neuen Bundesländern in den Westen ist so niedrig wie noch nie. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor. So lag die Differenz von Zuzügen und Fortzügen ohne Berlin im Jahr 2014 bei 3300 Menschen – der mit Abstand geringste Wert seit der Wiedervereinigung. Und noch etwas ist neu: Wanderten bis zum Jahr 2008 mehr Frauen als Männer aus den neuen in die alten Bundesländer ab, verlassen seitdem mehr Männer den Osten – was am Männerüberschuss bis dato wiederum nichts ändert. Der Strukturwandel jedenfalls sei vollzogen, verlautet aus Köln, der Osten habe sich stabilisiert. Auch vergangene Studien belegen allerdings, dass die Entwicklung nicht durchgängig positiv ist. Es gibt nach wie vor Licht und Schatten.

Tatsächlich sank die Ost-West-Wanderung von 1991 bis 1996 von zunächst 165 000 auf 25 000 – bevor sie wegen der Industrialisierung in den neuen Bundesländern bis 2001 erneut auf 98 000 stieg, um seither stetig zu fallen. Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), sagte: „Sachsen-Anhalt wird für immer mehr Menschen attraktiv. Wir haben seit 2014 einen positiven Wanderungssaldo.“ Zu den Rückkehrern gesellten sich Neuzugänge. Dies liege an dem mittlerweile guten Arbeitsplatzangebot. Zudem besitze Sachsen-Anhalt eine der besten Kinderbetreuungen. Und auch Wohnungen seien vielerorts noch gut und günstig – das alles bei geringeren Lebenshaltungskosten als im Westen. Der CDU-Politiker räumte indes ein, der Stopp der Abwanderung habe „noch nicht überall Fuß gefasst“. Und absolut nehme die Bevölkerungszahl in seinem Land weiter ab, weil mehr Menschen sterben als geboren werden.

Unterm Strich haben von 1991 bis 2013 rund 1,8 Millionen Menschen dem Osten Deutschlands den Rücken gekehrt. Es waren überwiegend junge, qualifizierte und tatkräftige Menschen. Diese Lücke lässt sich so ohne Weiteres nicht schließen. Überdies weist die Kölner Studie aus, dass unverändert viele ländliche Kreise in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sowie dem südlichen Brandenburg stark an Bevölkerung einbüßen. Das jedoch sei kein rein ostdeutsches Thema, sondern betreffe auch einige Regionen im Westen, insbesondere im nördlichen Bayern. Der Leiter des Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, stellte schon vor einem Jahr mit Blick auf eine eigene Studie fest, dass 85 Prozent der Kommunen in Ostdeutschland unablässig schrumpften.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), musste denn auch „einen ordentlichen Schuss Wasser in den Wein gießen“. Die Abwanderung Richtung Westen sei nicht zuletzt deshalb zum Stillstand gekommen, weil es in vielen ostdeutschen Regionen schlicht niemanden mehr gebe, der noch abwandern könne, sagte sie. „Die Herausforderungen für die Kommunen werden nicht kleiner, sondern größer“ – zumal der Anteil an älteren Menschen ständig zunehme. Dabei müssten die Kommunen auch in Zukunft in der Lage sein, ihre zentralen Aufgaben unter anderem bei der Daseinsvorsorge zu erfüllen. Gleicke erneuerte in diesem Zusammenhang ihre Forderung nach einer Förderung der strukturschwachen Regionen in Ost und West. „Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass vor allem die wirtschaftsstarken Städte von der Wanderungsbewegung profitieren.“

Gleichwohl beweisen aus Sicht der Sozialdemokratin die Zuwanderungszahlen junger Menschen aus allen Bundesländern, dass der Aufbau Ost Früchte trage: „Die Beliebtheit der ostdeutschen Universitätsstädte wäre ohne die Erfolge bei der Städtebauförderung und die Investitionen in eine hochmoderne Hochschullandschaft völlig undenkbar.“ Es müsse jetzt bloß noch gelingen, die jungen Leute über das Studiums hinaus zu binden.

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