Kommentar Deutschland sollte sich aus dem Weltkrieg heraushalten

Fliegt demnächst auch Deutschland Luftangriffe gegen den IS? Unsere Autorin Birgit Svensson meint, dass sich Deutschland aus dem Weltkrieg heraushalten sollte.
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Deutschland sollte sich aus dem Weltkrieg heraushalten
Von Birgit Svensson

Chaos auf den Schlachtfeldern gegen den IS: Russland schießt Marschflugkörper von seinen Kriegsschiffen im Kaspischen Meer Richtung Syrien. Ihre Flugroute führt über Irak-Kurdistan. Der zivile Flughafen in der Kurdenmetropole Erbil bleibt tagelang geschlossen.

Gleichzeitig steigen F16-Kampfflugzeuge der Amerikaner von Erbil aus in die Luft, ebenfalls mit Kurs auf Syrien. Die Israelis fliegen Aufklärungsmissionen, die Franzosen bombardieren in der irakischen Provinz Anbar und im syrischen Rakka, die Australier in Kirkuk. Zwischendurch greifen die Jordanier an, nachdem einer ihrer Piloten von den Schergen des IS bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Die Chinesen wollen ebenfalls nach der Enthauptung eines ihrer Landsleute in das Kriegsgeschehen eingreifen. Seit Donnerstag fliegen auch die Briten Luftangriffe. Und demnächst kommen die Deutschen?

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Auf einem zivilen Inlandsflug nach Bagdad zieht etwa 2000 Meter unter der Maschine ein Objekt vorbei, das nicht wie ein Flugzeug aussieht. "Das ist eine Rakete", sagt jemand. Woher die Rakete stammt, wohin sie fliegt, ist nicht auszumachen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis ein derartiges Geschoss mit einer Zivilmaschine zusammenstößt. "Hier macht doch jeder, was er will", beschreibt ein anderer Passagier den Zustand in seinem Land. Anscheinend wahllos werden Ziele bombardiert – ohne Koordination in einer Kommandozentrale. Angriffe werden durchgeführt, ohne andere davon in Kenntnis zu setzen. Jeder hat eigene Sicherheitsdienste und Informationsquellen. Absprachen finden kaum statt. Und in diese Kommando-Anarchie will Deutschland sich einreihen? Ein Koch mehr in dem schon reichlich verdorbenen Brei?

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Geld, Waffenlieferungen, Militärausbilder, Luftangriffe, Soldaten: Die Mittel, mit denen ausländische Mächte in den syrischen Bürgerkrieg und den Krieg gegen den IS im Irak eingreifen, unterscheiden sich erheblich – genau wie ihre Ziele. Von Anfang an dabei waren Türken, Iraner und Saudis, deren Interessen grundsätzlich verschieden sind.

Scheinbar wahllos werden Ziele bombardiert

Die Syrienpolitik der mehrheitlich sunnitischen Türkei wird durch zwei Ziele bestimmt: den Sturz Assads und den Willen, unbedingt einen Kurdenstaat zu verhindern. Das Aufkommen des IS, der auch die Kurden und Assad schwächte, war für die Türken strategisch wertvoll. Beim Transport von Dschihadisten und Waffen über die türkisch-syrische Grenze schauten sie offenbar nicht besonders genau hin. Ohne die Türkei wäre der IS heute nicht das, was er ist.

Ohne Saudi-Arabien ebenfalls nicht. Die Saudis haben die Terrormiliz lange Zeit massiv unterstützt. Der Grund: Als Erzfeind des schiitischen Iran half die Königsdynastie aus Riad allen sunnitischen Gruppen in Syrien und dem Irak. Vor rund einem Jahr entschlossen sich die Saudis aber, zumindest die offizielle Unterstützung für den IS einzufrieren. Gleichwohl gibt es in dem Golfstaat, dessen radikal-wahhabitische Auslegung des Islam mit der des IS vergleichbar ist, viele Sympathisanten der Miliz. Ankara und Riad sind unsere Verbündeten.

Für Teheran hingegen ist der Machtverbleib Assads das bestimmende Element für das Engagement in Syrien. Auch im Irak soll die schiitisch dominierte Regierung nicht gefährdet werden. Gemeinsam mit der libanesischen Hisbollah-Miliz bildet der Iran eine schiitische Achse, die Damaskus und Bagdad mit Geld, Waffen, und Soldaten unterstützt. Die sogenannten iranischen Revolutionsgarden kämpfen mit Hisbollah-Kämpfern an Assads Seite gegen Rebellengruppen und koordinieren die Einsätze der Schiitenmilizen im Irak.

Irgendwo zwischen diesen gegenläufigen Interessen wird sich Deutschland befinden, wenn der Bundestag einer Beteiligung am Kriegseinsatz gegen den IS zustimmt: Kriegspartei eines dritten Weltkrieges. Reicht es denn nicht, dass wir zwei Weltkriege zu verantworten haben?

politik@weser-kurier.de

Eine offene Debatte

Die Entscheidung, die der Bundestag an diesem Freitag zu treffen hat, ist nicht einfach. Auch in unserer Redaktion gehen die Meinungen auseinander. Hier schreibt unsere Nahostkorrespondentin Birgit Svensson, in der Dienstagausgabe hat sich Politikchef Joerg Helge Wagner positioniert . Nehmen Sie teil an der Debatte: per Leserbrief, E-Mail oder auf Facebook. (mod)

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