Kommentar über den Numerus Clausus

Die Abiturnote darf kein Fallbeil sein

Ein 1,0-Absolvent ist nicht automatisch ein guter Arzt. Und selbstverständlich können auch Französischversager und Kunstnieten gute Mediziner werden, meint Nico Schnurr.
20.06.2018, 19:55
Lesedauer: 3 Min
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Die Abiturnote darf kein Fallbeil sein
Von Nico Schnurr
Die Abiturnote darf kein Fallbeil sein

Wer den Einfluss des NC senkt, schafft nicht nur mehr Bildungsgerechtigkeit. Er leistet auch einen Beitrag zu einer diverseren Medizin.

dpa

Zu den absurdesten Umständen des an Absurditäten nicht gerade armen deutschen Hochschulbetriebs gehört, dass man acht Jahre auf einen Studienplatz in Medizin warten kann. Wer sein Abitur nicht mit Bestnoten abschließt und trotzdem Arzt werden will, muss Schlange stehen. 15 Semester sind es im Durchschnitt, länger als das Studium selbst. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass die Studierfähigkeit in acht Jahren auf der Wartebank leidet.

Man kann sich also fragen, was für ein System das ist, in dem man mit einem Notenschnitt jenseits der 1,1 entweder als gescheitert gilt oder sich damit arrangieren muss, dass man sehr viel Geduld braucht. Die Kultusminister der Bundesländer haben sich diese Frage nun auf Bitten des Bundesverfassungsgerichts gestellt. Im Dezember hatte Karlsruhe das bisherige Zulassungsverfahren für verfassungswidrig erklärt. Und immerhin, zumindest das Warten soll bald ein Ende haben.

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Die Länder sind sich einig, dass 20 Prozent der Plätze nicht mehr an die Geduldigsten gehen sollen. Eine Talentquote wird die Regel ersetzen. Die Kultusminister wollen, dass sich die Universitäten weiterhin 60 Prozent ihrer Medizinstudenten selbst aussuchen. Oft ziehen die Hochschulen dafür den Abiturschnitt heran, weil das billig und bequem ist.

Die Länder planen, ihnen künftig andere Kriterien vorzuschreiben. Unangetastet bleibt, dass 20 Prozent an die Bewerber mit den besten Abiturnoten gehen. Die Reform, die bis 2020 greifen soll, wird den Numerus Clausus (NC) nicht abschaffen. Sie wird seine Bedeutung minimal herabstufen.

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber er reicht längst nicht weit genug. Der NC, einst eine „situationsbedingte Notmaßnahme“, ist zum Dauerzustand geworden. Mit den steigenden Abiturientenzahlen sind die Anforderungen ins Aberwitzige geschossen. Die Abiturnote darf nicht wie ein Fallbeil darüber richten, wer Arzt wird und wer nicht.

Nicht automatisch ein guter Arzt

Hinter der Hochschulreife stehen in jedem Bundesland andere Leistungen, die bei der Zulassung vermengt werden. Wenn schon Dezimalstellen hinter dem Komma entscheiden, muss berücksichtigt werden, dass man Bestnoten etwa in Bremen einfacher erreicht als in Bayern. Die Länder wollen sich um eine bessere Vergleichbarkeit bemühen. Bis es soweit ist, werden noch Jahre vergehen.

Natürlich schadet ein sehr gutes Abitur nicht. Die Abbrecherquote ist im vorklinischen Teil des Studiums bei Einser-Abiturienten geringer. Bestnoten sagen etwas über Fleiß aus, über Auffassungsgabe und Leistungsbereitschaft. Über viel mehr aber auch nicht. Es liegt auf der Hand, dass ein 1,0-Absolvent nicht automatisch ein guter Arzt ist. Und selbstverständlich können auch Französischversager und Kunstnieten gute Mediziner werden. Vorausgesetzt, man gibt ihnen die Chance dazu.

Dr. House mag man als Protagonisten der gleichnamigen Serie schätzen. Aber wer will wirklich von einem hyperintelligenten, aber sozial inkompetenten Hausarzt behandelt werden? Von einem Arzt erwarten die meisten doch, dass er zuhört, mitfühlt, den Mensch hinter dem Patienten sieht. Es ist nicht so, dass Einser-Schüler das nicht könnten.

Die Abiturnote misst diese Fähigkeiten nur einfach nicht. Die Länder sollten darauf achten, dass Faktoren wie Empathie und Kommunikationsvermögen viel stärker in die Auswahl einfließen. Wer drei Jahre im Rettungsdienst oder auf einer Krankenstation gearbeitet hat, ist zwar noch kein fertiger Arzt, aber er weiß, worauf er sich menschlich einlässt – und sollte daher bevorzugt werden.

Kluge Zulassungspolitik ist im Interesse aller

Als wichtigster Prüfstein ist der NC ungeeignet. Er ist zu einem Instrument geworden, das soziale Unterschiede zementiert. Vergleichsweise wenig Arbeiterkindern gelingt der Sprung ins Medizinstudium. Nicht mal ein Drittel aller angehenden Ärzte hat Eltern, die keine Akademiker sind. Wer den Einfluss des NC senkt, schafft nicht nur mehr Bildungsgerechtigkeit.

Er leistet auch einen Beitrag zu einer diverseren Medizin. Wie dringend es mehr Vielfalt in der Ärzteschaft braucht, zeigt etwa der dramatische Mangel an Hausärzten auf dem Land. Eine kluge Zulassungspolitik ist im Interesse aller. Sitzen die richtigen Studenten im richtigen Hörsaal, dann kommen sie mit weniger Problemen durch ihr Studium.

Dann kostet ihre Ausbildung weniger. Dann gibt es weniger Abbrecher. Und dann bekommt die Gesellschaft am Ende bessere Ärzte, Psychologen, Betriebswissenschaftler. Merkwürdige Zulassungskriterien sind schließlich keine alleinige Spezialität der Mediziner.

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