stade Die Ängste der Theresa May

Eigentlich wollte Theresa May nur etwas privat wirken – endlich einmal. Die britische Premierministerin gilt als unnahbar, ständig hagelt es Kritik dafür.
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Von Katrin Pribyl, London

Eigentlich wollte Theresa May nur etwas privat wirken – endlich einmal. Die britische Premierministerin gilt als unnahbar, ständig hagelt es Kritik dafür. Also posierte die 60-Jährige für einen Fototermin der „Sunday Times“ ungewohnt locker auf ihrem Sofa, in grauem Pulli, Turnschuhen, Lederhose. Nun ist das Shooting zwar bereits einige Wochen her, doch eine Sache lässt die Insel seitdem nicht los: die Lederhose. Täglich grüßt das Thema von den Zeitungsseiten. Man weiß, dass das Modell in der Farbe „Bitterschokolade“ 995 Pfund, umgerechnet fast 1200 Euro, gekostet hat, was wiederum die Parteikollegin Nicky Morgan dazu veranlasst hat, einen kritischen Kommentar über den hohen Preis per Twitter abzugeben. Manch einer sprang für die Regierungschefin ein mit dem Verweis auf die teuren Anzüge der Männer, andere verurteilten die angebliche Abgehobenheit der politischen Klasse. Nun hat sich das Thema so hochgeschaukelt, dass die Medien von einem „Trousergate“ sprechen, einem Hosenskandal.

Ziemlich wahrscheinlich ist aber, dass es längst nicht mehr nur um die Klamottenwahl von Theresa May geht, auch wenn ihr Faible für auffällige Designerschuhe häufig diskutiert wird. Vielmehr dürfte der Lederhosen-Disput den Streit innerhalb der konservativen Tories um die Brexit-Frage einkleiden. Der nämlich verdirbt der Regierungschefin derzeit die guten Nachrichten wie etwa jene, dass die Politikerin in Umfragen mit 17 Punkten vor der oppositionellen Labour-Partei führt. Oder dass sie erst in der vergangenen Woche einen Sieg beim Thema Brexit verbuchen konnte, nachdem das Parlament in einem symbolischen Akt in großer Mehrheit den Zeitplan für den Austrittsantrag bei der EU billigte. May hatte zuvor in einer Versöhnungsgeste versprochen, die Abgeordneten über die Verhandlungsstrategie der Regierung zu informieren.

Bis Ende März will die Konservative den Scheidungsantrag nach Artikel 50 des Lissabon-Vertrages stellen. Doch konkrete Pläne, wie ein Brexit aussehen könnte, dringen kaum aus Downing Street Nummer Zehn. May versucht vielmehr, mit Parolen wie „Brexit heißt Brexit“ ihre Landsleute zu besänftigen. Die Alles-wird-gut-Strategie der Regierungschefin aber scheint immer weniger aufzugehen, zumal sie selbst erst kürzlich zugab, dass ihr der Brexit schlaflose Nächte bereite.

Gibt es überhaupt einen Plan? Wird es eine harte Loslösung von der Gemeinschaft geben, wie zahlreiche EU-Gegner fordern? Oder eine softe Version, die auch von einigen im konservativen Lager gewünscht wird wie etwa von Schatzkanzler Philip Hammond oder der Lederhosenkritikerin Morgan? In den eigenen Reihen gehen die Vorstellungen über das Wie des Brexits weit auseinander, die Regierungschefin steht zwischen den Stühlen.

Die Herausforderung besteht darin, die Einwanderung aus der EU einzuschränken, was ein zentrales Wahlversprechen der Brexit-Befürworter war. May versteht das Votum als Signal, der Personenfreizügigkeit einen Riegel vorzuschieben. Gleichzeitig dringen Unternehmen, Banken und Finanzdienstleister auf den vollen Zugang zum gemeinsamen Europäischen Binnenmarkt. Diese beiden Punkte schließen sich aus Brüsseler Sicht aus, May steckt in einem Dilemma. Bislang arbeitet sie daran, die Europaskeptiker und EU-Freunde bei den Tories auf eine Linie zu bringen. Jedoch, so heißt es in Westminster, habe sie Probleme damit zu delegieren.

May ist als Kontrollfreak bekannt, detailversessen noch dazu. Oft arbeitet sie sich bis in die frühen Morgenstunden in Themen ein, bis sie schlussendlich eine Entscheidung fällt. Diese Strategie funktionierte bestens in ihrer Rolle als Innenministerin, so Beobachter. Doch als Premierministerin sei es aufgrund der schieren Masse von Beschlüssen, die zu treffen sind, schlicht unmöglich, so fortzufahren.

Auch in ihrem Kabinett kommt wegen ihres dominanten Regierungsstils, den sie Insidern zufolge aus Furcht vor Parteirebellen installiert hat, immer wieder Kritik auf. Regelmäßig äußern sich Minister zu allen möglichen Themen, was wiederum Theresa May regelmäßig dazu veranlasst, diese Einlassungen als Privatmeinungen abzutun, manchmal auf geradezu demütigende Weise. Egal ob es um Brexit-Minister David Davis geht, der vor allem am Anfang manches Mal zu euphorisch Möglichkeiten eines EU-Ausstiegs bewarb. Oder um den Außenminister mit dem blonden, wirren Haar, Boris Johnson. Er redet gerne und auch viel, erst kürzlich legte er sich mit Saudi-Arabien und dem Iran an, weil der Chefdiplomat meinte, beide Länder führten in der Region Stellvertreterkriege. Das bezeichneten zwar viele als erfrischend ehrlich, diplomatisch war es keineswegs. Immerhin verdient Großbritannien Milliarden mit Waffenexporten nach Saudi-Arabien. May brüskierte ihn öffentlich.

Die Kultur in der Downing Street hat sich seit Sommer ganz offensichtlich gewandelt. Aus ihrem engsten Kreis heißt es, das Land brauche für diese ernsthaften Zeiten ein ernsthaftes Oberhaupt. Nur: Viele Probleme sind hausgemacht und hängen mit Mays Persönlichkeit zusammen. Der Übergang zum profiliertesten Job in der Regierung fällt ihr laut Weggefährten bis heute nicht leicht. Zu plötzlich stand die Frau, die im Privaten als zurückhaltend und äußerst bescheiden beschrieben wird, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie trat zwar zu Beginn entschlossen auf, doch zunehmend erscheint sie angesichts der Mammutaufgabe Brexit zögerlich. Bei Reden wirkt die erfahrene Politikerin, die in Oxford studiert hat und seit 1997 im Unterhaus sitzt, überraschend nervös und noch immer bereitet es ihr Unbehagen, wenn es um ihr Privatleben geht.

Ihr ehemaliger Kabinettskollege Ken Clarke bezeichnete sie im Sommer als „bloody difficult woman“, als eine „verdammt schwierige Frau“. So hat May etwa kaum echte Vertraute in Westminster und hält sich bis heute aus dem politischen Klatsch heraus, während ihre männlichen Kollegen noch das ein oder andere Feierabendbier im Pub genießen. Ihr geht es darum, ihren „Job zu erledigen“, wie die Tochter eines anglikanischen Vikars aus dem südenglischen Eastborne unaufhörlich betont. Manchmal klingt sie dabei mehr wie eine Vertreterin der oppositionellen Labour-Partei, etwa wenn sie ein faireres und sozialeres Großbritannien verspricht und fordert, dass das Bildungssystem für alle funktionieren müsse, nicht nur für Kinder mit reichen Eltern. Eingebildete Menschen sind ihr zuwider, gab sie einmal in einem Interview preis und folglich sortierte sie bei ihrem Amtsantritt erst einmal einige Kollegen aus dem Kabinett aus, die exklusive Eliteschulen wie Eton in den Nähten haben.

Ihre Freizeit verbringt die Hobbyköchin am liebsten mit ihrem Ehemann, dem Bankmanager Philip May, den sie schon während des Studiums kennengelernt hat. Nur der Kinderwunsch blieb unerfüllt. Doch auch da agierte sie in einer für sie typischen Weise: Sie akzeptierte es, jammerte nicht, sondern machte weiter. So will sie nun auch den Mehrheitswillen der Briten zum EU-Ausstieg umsetzen. Theresa May sollte zufrieden sein, schrieb erst am Wochenende der Kolumnist Dan Hodges. „Die Öffentlichkeit steht auf ihrer Seite. Ihre Parteibasis auch. Ihre Minister, wenn sie ihnen die Chance gibt, es zu zeigen, unterstützen sie ebenfalls.“ In Wahrheit gebe es nur eine Person im Kabinett, die im Moment eine Bedrohung für die Premierministerin darstelle: Theresa May selbst.

„Die Öffentlichkeit steht auf ihrer Seite.“ Dan Hodges, Kolumnist
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