Kommentar über die Corona-Pandemie

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Der Virusausbruch bedroht nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung. Er setzt auch zunehmend die chinesische Staatsführung unter Druck, analysiert Fabian Kretschmer.
31.01.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Fabian Kretschmer

Als sich Chinas Staatspräsident Xi Jinping kürzlich über das Staatsfernsehen an die chinesische Öffentlichkeit wandte, wählte er eine geradezu apokalyptische Metapher: „Das Virus ist ein Teufel“, doch so ernst die Lage auch sei, man werde diesen Kampf gegen das Böse gewinnen. Auf dem Weg zum Sieg wird die chinesische Bevölkerung jedoch noch weitere Opfer erbringen müssen: Erneut ist die Anzahl der Toten, Infizierten und Verdachtsfälle deutlich angestiegen. Mindestens 170 Menschen sind bereits durch das Coronavirus umgekommen, rund 7830 Personen haben sich angesteckt. Zumindest ein Hoffnungsschimmer zeigt sich am Horizont: Die Anzahl an Infizierten ist nicht mehr ganz so schnell angestiegen wie noch die Tage zuvor.

Und auch Zhong Nanshan, einer der Mediziner, der im Auftrag der Regierung die tödlichen Erreger eindämmen soll, gibt über die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua eine leicht optimistische Prognose ab: In „einer Woche oder zehn Tagen“ werde die Epidemie ihren Zenit erreichen und sich danach allmählich abschwächen. Hoffentlich behält er recht. Ein Forscher, der Mitte Januar von der Partei nach Wuhan entsandt wurde und im Staatsfernsehen verkündete, das Virus sei unter Kontrolle, hat sich in der Zwischenzeit selber damit angesteckt.

Großes Misstrauen

In den sozialen Medien ist das Misstrauen gegenüber der „offiziellen Botschaft“ groß. Dort mischt sich – zusätzlich zur großen Beunruhigung – zunehmend Frust auf die Behörden bei. Unter den Live-Streams der täglichen Pressekonferenz der Gesundheitskommission etwa halten die Nutzer nicht mit ihrer Kritik zurück. Einer schreibt über die als vage empfundenen Aussagen der Funktionäre: „So einen Mist muss ich mir echt nicht anschauen!“. Ein anderer postet: „Unser Leben scheint nicht mehr Wert zu haben als das eines Insekts. Leute, bitte wacht endlich auf!“.

Sollte die Quarantäne weiter anhalten, könnte sich der Unmut jedoch auch bald gegen die politische Führung in Peking richten. Niemand wird sich der Gefahr bewusster sein als Präsident Xi Jinping selbst. Bei all der Transparenz, die die Staatsführung im Umgang mit dem Virus einfordert, besteht kein Zweifel daran, dass die Partei die Grenzen dieser Transparenz selbst bestimmt.

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Für den mächtigsten Mann des Landes wird der Virusausbruch zur Probe. Schließlich inszeniert er sich gern als volksnahe Vaterfigur, die sich um die Sorgen der Bevölkerung kümmert. So begründet schließlich die Kommunistische Partei seine Legitimation als Alleinherrscher. Nun steht „Onkel Xi“ unter Druck, ob er die Krise auch tatsächlich im Griff hat. Im Gegensatz zu den Aufständen in Hongkong oder dem Erdrutschsieg der Peking-kritischen Präsidentin Tsai Ing Wen in Taiwan kann er diesmal nicht „die CIA“ oder „ausländische Kräfte“ für die Krise verantwortlich machen.

Führerkult ausgebaut

Der 66-Jährige hat wie kein zweiter Herrscher seit Mao Tsetung den Führerkult um sich ausgebaut, die Macht innerhalb der Partei zentriert und mehrere Hundert, teils alteingesessene Parteikader während seiner Anti-Korruptions-Kampagne geschasst. In einem solch hierarchischen System haben rangniedere Funktionäre zunehmend Angst, schlechte Nachrichten an Vorgesetzte weiterzuleiten. Wie zum Beweis war Anfang der Woche der Bürgermeister von Wuhan – dem Epizentrum des Virusausbruchs – vor die Medien getreten. Im bisher größten Anflug von Selbstkritik sagte Zhou Xianwang, das Krisenmanagement der Stadt sei „nicht gut genug“ gewesen. Und fügte an, er habe die Öffentlichkeit erst Wochen später nach dem ersten Virus-Fall informieren können, weil die Regelung der Regierung dies so vorsehe. Offenbar, so die Botschaft zwischen den Zeilen, brauchte er für die Bekanntmachung über das Virus erst die Erlaubnis von ganz oben.

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Der Virusausbruch hat nicht zuletzt die systemimmanenten Makel des chinesischen Regimes aufgezeigt. Die Staatsführung reagiert auf die Krise nicht mit innerer Öffnung, sondern ganz im Gegenteil: Xi Jinping hält erneut die Zensoren dazu an, „die Anleitung zur öffentlichen Meinung zu verstärken“.

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