Standpunkt: Egoismus und Vordrängelei

Das Gegenteil einer Komfortzone

Krisen bringen das Beste und Schlechteste im Menschen hervor, heißt es. Im Jahr II der Corona-Krise werden indessen mehr und mehr menschliche Schwächen deutlich, meint Silke Hellwig.
25.04.2021, 22:15
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Das Gegenteil einer Komfortzone
Von Silke Hellwig
Das Gegenteil einer Komfortzone

Warteschlangen vor dem Discounter wegen Gesundheitsschutzauflagen – eine Katastrophe für Ungeduldige.

Hauke-Christian Dittrich / dpa

Tiefe Krisen bringen im Menschen das Beste und das Schlechteste hervor, heißt es. Man müsste diese Lebensweisheit vermutlich einschränken: Wenn sie nicht allzu lange dauert. Geduld ist eine Tugend, die im 21. Jahrhundert nicht mehr viel gilt. Das rächt sich im Jahr II der Pandemie.

Tatsächlich brachte der große Schrecken Corona die Menschen vor einem Jahr körperlich zwar auf Abstand, in Gedanken rückten sie enger zusammen. Nachbarn halfen einander, Freiwillige übernahmen Hilfsdienste für Seniorinnen und Senioren. Auf den Balkonen standen abends Menschen und applaudierten den Helfern – Pflegepersonal und Ärzten, aber auch Beschäftigten im Einzelhandel (als Berufsgruppe bislang noch nicht geimpft) und anderen, denen es nicht möglich ist, ihre Kontakte drastisch einzuschränken und sich so in Sicherheit zu bringen. Es schien, als sei den Menschen klar, dass sie als Gemeinschaft verwundbar geworden sind.

Davon ist wenig geblieben. Auf den Covid-Stationen, in den Krankenhäusern überhaupt, muss weiterhin Enormes geleistet werden. Die Disziplin aus den ersten Wochen des Schocks ist bei manchen dahin. Ein paar Monate lässt man sich die Unannehmlichkeiten, die jede und jeder auf sich nehmen muss, noch gefallen. Aber die Geduld scheint am Ende. Das kann man gut verstehen, wenn Existenzen auf dem Spiel stehen. Da ist es schon ziemlich viel verlangt, sich klaglos in sein Schicksal zu fügen und zu warten, warten, warten – auf finanzielle Hilfen, auf eine Perspektive, darauf, dass man wieder seiner Arbeit nachgehen und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Aber was ist mit den anderen?

Selbstverständlich muss man nicht mit allem einverstanden sein, was beschlossen wird. Fraglos kann man sich über manche politische Wendung wundern oder Auflagen in Zweifel ziehen. Aber es ist nicht das erste Mal, dass sich manche Bürger in Beschlüsse fügen müssen, die sie selbst massiv ablehnen – von der Wehrpflicht über den Nato-Doppelbeschluss bis zu Stuttgart 21. Doch in der Pandemie haben Kritik, Debatte und Widerstand neue Formen angenommen. Der Ton ist bewusst überzogen, persönlich und verletzend. Vermeintliche „Co-vidioten“ und „Coronazis“ stehen sich unversöhnlich gegenüber. Privilegierte Schauspieler sehen sich dazu veranlasst, zweifelhafte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – als ob noch eine Stimme nötig wäre in dem ohrenbetäubenden Lärm der Verlautbarungen.

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Die einen drängen sich beim Impfen vor, sofern sie die Gelegenheit dazu haben – Geschäftsführer an Kliniken oder in Altenheimen; in einer Einrichtung in Wunstorf wurden die Ehepartner gleich mitgeimpft. In Seesen trat der Propst und Aufsichtsratsvorsitzende des evangelischen Altenzentrums zurück, weil er sich vorzeitig hatte impfen lassen. Andere verdienen an der Vermittlung von Schutzmasken. Wer es finanzieren kann, tritt eine Impfreise an. In Mexiko haben sich Männer eine Impfung erschlichen, indem sie sich als Senioren verkleideten. Impfpässe mit gefälschtem Corona-Schutznachweis sind im Umlauf. Andere lassen ihre Impftermine sausen, obwohl Tausende andere darauf warten.

Geduld kann man nicht verordnen.

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat alles darangesetzt, um sie den Menschen gründlich abzugewöhnen. Es geht nie schnell und nie bequem genug. Alles wird getrimmt und getunt. Multitasking gilt als erstrebenswert: Tippen und telefonieren, laufen und Kaffee trinken. WLAN überzieht das Land, Prozessoren verarbeiten Daten in Geschwindigkeiten, die nie als rasend Gültigkeit behalten werden. Der Handel warnt vor Warteschlangen vor Supermärkten – nicht auszudenken, wenn nicht jeder umgehend bekommt, was er will. Das gilt auch fürs Impfen. Doch jede Impfung ist ein Fortschritt, auch, wenn man sie selbst nicht bekommt.

Viele Menschen seien coronamüde, heißt es. Wer wollte das bestreiten, doch danach geht es einfach nicht. Die Pandemie ist das Gegenteil einer Komfortzone. Ein Kennzeichen von Krisen ist, dass sie den Menschen etwas abverlangen, Kraft, Ausdauer, Durchhaltevermögen. Ein anderes: dass es keine Abkürzung gibt.

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