Kommentar über Zeit zum Nachdenken Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Welt ist seit Corona nicht mehr so, wie wir sie kennen. In weiten Teilen steht sie still. Und jetzt? Jetzt ist Zeit, um über sich und die Welt einmal nachzudenken, meint Marc Hagedorn.
22.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Entdeckung der Langsamkeit
Von Marc Hagedorn

Millionen Menschen machen dieser Tage eine ganz neue Erfahrung. Die Verlässlichkeit des Alltags ist weg, Selbstverständlichkeiten gelten nicht mehr. Morgens zu einer festen Zeit aufstehen, den Kindern das Frühstück machen, sie zur Schule oder zum Kindergarten bringen – im Moment nicht möglich. Anschließend selbst ins Büro fahren, acht oder mehr Stunden arbeiten, abends nach Hause kommen und sich zum Abschluss des Tages mit Freunden zum Bier, zum Kinobesuch oder zum Fußballgucken verabreden – keine Option zurzeit.

Lebenslang gelerntes Verhalten und Abläufe, die tagein tagaus unseren Rhythmus bestimmt haben, greifen plötzlich ins Leere. Die Kinder sind zu Hause. Das Home-Office ersetzt das Büro in der Firma. Fußballstadien, Theater und Kneipen sind geschlossen. Flugzeuge bleiben am Boden, Busse und Bahnen fahren seltener. Die Welt steht in weiten Teilen still und dort, wo sie sich noch bewegt, tut sie es langsamer als gewohnt.

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Für die plötzlich Ausgebremsten stellt sich die Frage: Und was mache ich jetzt? Erst einmal klingt es ja durchaus verlockend: weniger Hektik, weniger Termine, stattdessen Zeit für sich und die Familie. Das tut dem Menschen gut. Ruhe ist essenziell für Geist und Körper.

Im besten Fall findet der Mensch zu sich selbst. Er liest jetzt Bücher, spielt mit den Kindern, geht spazieren. Und wem nichts einfällt, dem hilft das Internet. Hier haben Tipps für die freie Zeit Konjunktur: den Dachboden aufräumen, die Steuererklärung machen, mit Hilfe von Online-Tutorials eine neue Sprache, ein neues Instrument oder für die nächste Klausur lernen, die irgendwann garantiert wieder geschrieben werden muss.

Struktur ist hilfreich

Diese Tendenz, die freie Zeit gleich wieder mit Tätigkeiten zu füllen, die irgendwo zwischen Müßiggang, Pragmatismus und Selbstoptimierung liegen, ist nicht verkehrt. Struktur ist hilfreich, gerade in Tagen, die ansonsten zäh dahinfließen. Man würde ja sonst verrückt werden oder depressiv.

Gleichzeitig ist dieses Verhalten aber auch typisch für den Menschen im 21. Jahrhundert. Leerstellen sind in der getakteten Gesellschaft nicht vorgesehen. Wie schwer es vielen fällt, damit umzugehen, sieht man an denjenigen, die einfach so tun, als sei alles wie immer. Sie verabreden sich, sie treffen sich, sie gehen aus. Sie wissen nichts mit sich selbst anzufangen, obwohl sich ihr ganzes Leben offensichtlich nur um sie selbst dreht.

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Die To-do-Listen sind lang, auch jetzt. Wir kennen es nicht anders. Wir sind eine Aktivitätsgesellschaft mit einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum zielt, auf Effizienz und auf Tempo. Jetzt allerdings merken wir, wie fragil dieser Entwurf ist. Ein Virus reicht aus, um diese Welt lahmzulegen.

Die Coronakrise gilt bereits jetzt als Einschnitt. Aber das sagte man über 9/11 und die Finanzkrise 2007/2008 auch schon. Und was ist danach passiert? Die Welt ist eher noch schneller geworden. Auch jetzt sitzen viele Akteure schon wieder in den Startblöcken. Die Unternehmen werden Produktionsrückstände aufholen müssen, die Schüler Lerninhalte. Der Sport scheint entschlossen, in wenigen Monaten Olympia in Tokio durchzuziehen, und der Fußball würde lieber heute als morgen wieder anfangen zu spielen. Das klingt nicht so, als sollte sich nach Corona etwas ändern, sondern eher nach: The show must go on. Vielleicht sogar mit noch etwas mehr Drive.

Was ist wirklich wichtig?

Dabei empfehlen Menschen wie der Zeitforscher Karlheinz Geißler, statt To-do- lieber Let-it-be-Listen, also Lass-es-sein-Listen zu erstellen, Ballast abzuwerfen, sich selbst Fragen zu stellen. Was ist wirklich wichtig? Was ist verzichtbar? Wie viele Flüge sind nötig für ein erfülltes Leben? Sollten die Jobs, die jetzt in der Krise als systemrelevant erkennbar werden, spätestens in der Nach-Corona-Zeit nicht auch relevant bezahlt werden? Jetzt ist der Moment für diese Fragen. Vielleicht lernt sich manch einer in den nächsten Wochen besser kennen.

Aus wissenschaftlichen Experimenten ist bekannt, dass viele Menschen – entschleunigt und bei sich selbst angekommen – das starke Bedürfnis entwickeln, etwas Sinnvolles und das Richtige zu tun. Zum Beispiel zu helfen. In der Coronakrise mit all ihrem Drama und all ihren Abgründen fangen die Ersten, die unerwartet im Leerlauf sind, gerade damit an. Sie spenden, stellen sich in den Dienst der Bedürftigen, sind solidarisch. Das klingt in einer Welt des höher- schneller-weiter fast zu schön, um wahr zu sein. Es geht aber offenbar. Es wäre wichtig, davon so viel wie möglich in die Zeit nach Corona zu retten.

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