Lothar Späth

Die gescheiterte Revolte

Der WESER-KURIER komentierte am 14. September 1989 das Schicksal von Lothar Späth beim 37. Bundesparteitag der CDU in Bremen.
19.03.2016, 00:00
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Die gescheiterte Revolte
Von Alice Echtermann

„Aus dem siebten Himmel der Parteihierarchie gefallen.“ Der baden-württembergische Ministerpräsident war von den Delegierten überraschend aus dem Parteipräsidium gewählt worden. Er erhielt nur 357 von 731 Stimmen. Er, das „Cleverle“, der in Zeiten der Schwäche der CDU bei den Landtagswahlen in seinem Bundesland die absolute Mehrheit der Partei verteidigt hatte. Und das dreimal: 1980, 1984, 1988. Die Delegierten aus Baden-Württemberg waren fassungslos. Pfiffe begleiteten die Verlesung des Wahlergebnisses. Dies könne der „Anfang vom Abschied aus der Politik“ für Lothar Späth sein, orakelte die „Zeit“.

Was war passiert? Lothar Späth hatte versucht, sich gegen Parteichef und Kanzler Helmut Kohl zu stellen und war gescheitert. Kurz vor dem Parteitag in Bremen war bekannt geworden, dass Kohl den langjährigen Generalsekretär Heiner Geißler nicht erneut für diesen Posten vorschlagen würde. Eine Entscheidung, die bei der Parteibasis für große Empörung sorgte. Um Geißler sammelte sich daraufhin eine kleine Gruppe von parteiinternen Kohl-Kritikern: Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth – und Lothar Späth.

Doch der Putschversuch gegen den Parteichef sei stümperhaft gewesen, schrieb der „Spiegel“: „Amateure hatten gegen einen Altmeister des Fachs konspiriert.“ Die Vierergruppe habe zu viel geredet und zu wenig geplant. Sie versuchte vergeblich, den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Norbert Blüm auf ihre Seite zu ziehen. Lothar Späth äußerte sich in Interviews allzu offen zu den Putsch-Plänen. Zudem seien die vier Politiker bis auf ihr Nein zu Kohl zu verschieden gewesen, urteilte der „Spiegel“. Sie präsentierten keinen Gegenkandidaten, sie zögerten und einer nach dem anderen verlor den Mut. Auf der Präsidiumssitzung eine Woche vor dem Parteitag verpufften die letzten Reste der „Revolte“.

Bei dem Treffen vom 11. bis 13. September in der Stadthalle in Bremen waren dann alle potenziellen Putschisten wieder auf Kohl-Kurs. Volker Rühe wurde Heiner Geißlers Nachfolger als Generalsekretär. Ein paar Delegierte machten ihrem Ärger darüber Luft, doch dabei blieb es. Geißler bewarb sich um einen der sieben Posten als stellvertretender Vorsitzender – genau wie Lothar Späth. „Es ist ausdiskutiert“, sagte Späth in seiner Rede. „In dieser neuen Formation gehen wir wieder an die Arbeit. So kann etwas ausgeräumt werden.“

Dann kam der Paukenschlag. Späths Wiederwahl zum stellvertretenden Vorsitzenden scheiterte mit einem beschämend niedrigen Stimmenergebnis. Die Partei habe ihn für seine fehlende Solidarität bestraft, sagte damals der Bremer CDU-Landesvorsitzende Bernd Neumann dem WESER-KURIER. Andere waren der Ansicht, das Einknicken gegenüber Kohl sei der Grund für Späths Abwahl gewesen. „Wer eine Revolution anzettelt, muss diese auch gewinnen“, meinte CDU-Fraktionschef Reinhard Metz. Lothar Späth hat in Bremen eine große Niederlage erlitten. Er verabschiedete sich vom Parteitag mit der Ankündigung eines eigenständigeren Kurses im Bundesrat und dem Versprechen, auch in Zukunft immer seine Meinung zu sagen.

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