Gastkommentar über politische Veränderungen Die Grünen – die neue Mitte im Parteiensystem

SPD und CDU sind in der Krise und die Grünen im Höhenflug: Wieso das so ist und was das für die Grünen bedeutet, analysiert Parteienforscher Lothar Probst im Gastkommentar.
14.06.2019, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Lothar Probst

Der Ausgang der Europawahl ist eine Zäsur im Parteiensystem der Bundesrepublik und verstetigt einen Trend, der sich bereits bei den letzten Landtagswahlen abzeichnete. Die Grünen sind im Begriff, sich zumindest als zweitstärkste Kraft zu etablieren und zum eigentlichen Konkurrenten der Unionsparteien zu werden. Sie wurden bei der Europawahl nicht nur in den urbanen Zentren stärkste Partei, sondern haben auch in ländlichen Regionen deutlich zulegen können.

Zudem spricht die Wählerwanderung zu den Grünen für sich: 1,25 Millionen Stimmen von der SPD, 1,1 Millionen von der CDU, 610 000 von der Linken und 480 000 von der FDP. Auch in ehemals konservativen beziehungsweise wirtschaftlich prosperierenden Flächenländern wie Bayern und Baden-Württemberg sind sie erfolgreich, während die SPD dort zu einer marginalen politischen Kraft geworden ist. Darüber hinaus sind sie auf Landesebene in neun verschiedenen Koalitionen mit einer bunten Farbpalette vertreten.

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Tatsächlich sind die Grünen längst keine Partei des klassischen linken Lagers mehr, sondern sie repräsentieren eine neue Mitte, die sowohl an progressive christliche und liberale Milieus als auch an bisherige Bündniskonstellationen anschlussfähig ist. 58 Prozent der Wählerinnen und Wähler der CDU haben in einer Umfrage von Infratest Dimap erklärt, dass sie die Grünen für eine „moderne, bürgerliche Partei“ halten.

Natürlich profitieren die Grünen von ihrem sich optimal ergänzenden Führungsduo Robert Habeck und Annalena Baerbock sowie von der Konjunktur des Themas „Klimawandels“. Doch ihr Höhenflug ist nicht nur auf personelle oder situative Effekte zurückzuführen, sondern auch auf strukturelle Faktoren. Während die Wählerschaft der Volksparteien immer mehr ergraut, schaffen es die Grünen, Jüngere zu mobilisieren und gleichzeitig Ältere anzusprechen. Die eigentliche Überraschung der Europawahl: dass sie in allen Altersgruppen bis 60 Jahre stärkste Partei wurden.

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Sie ernten jetzt ihren jahrzehntelangen Einsatz für Klimaschutz, bei dem sie mit Abstand für die glaubwürdigste und kompetenteste Partei gehalten werden. Dagegen gelten die in der Großen Koalition eingezwängten Parteien bei diesem Thema als halbherzig und verstaubt. Während die SPD längst kein politisch-gestaltendes Kraftzentrum mehr ist, schwant der CDU, dass ihr langfristig ein ähnliches Schicksal blühen könnte. In europäischen Nachbarländern kann man sehen, wie schnell ein früher stabiles Parteiensystem in der Mitte erodieren kann. Es liegt nun an den Grünen, ihrer neuen Verantwortung für diese Mitte gerecht zu werden.

Info

Zur Person

Unser Gastautor Lothar probstist Politologe und emeritierter Professor. Er war Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelle und Internationale Studien und Leiter des Bereichs Wahlforschung der Uni Bremen.

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