Bremen Die heikle Frage der Schuld

Über dem Eingang zum “Peace Memorial Parc” von Hiroshima steht der Satz: „Wir dürfen das Böse nicht wiederholen.” Mehr nicht.
27.05.2016, 00:00
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Über dem Eingang zum “Peace Memorial Parc” von Hiroshima steht der Satz: „Wir dürfen das Böse nicht wiederholen.” Mehr nicht. Damit bleibt es den Besuchern der Gedenkstätte überlassen, einen Zusammenhang herzustellen.

Aus US-amerikanischer Perspektive bestand das Böse in der japanischen Aggression, die im Zweiten Weltkrieg zu geschätzt 20 Millionen Kriegstoten führte. In diesem Narrativ beendete der Abwurf der ersten Atombombe über der Rüstungshochburg von Hiroshima den Krieg in Asien und vermied hohe US-Verluste einer konventionellen Invasion Japans. Die Japaner sehen das fast komplett andersherum. Sie betrachten sich als Opfer einer unnötigen Strafaktion, die etwa einhunderttausend Menschen das Leben kostete. Hinzu kommt eine ganze Generation von Opfern, die unter den Spätfolgen der Verstrahlung litt.

Die unterschiedliche Erinnerung an das Grauen von Hiroshima und Nagasaki erwies sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als politisches Tretminenfeld, das die heute eng verbündeten Nationen bisher mieden. Präsident Barack Obama wagt sich als erster hinein, wenn er die Gedenkstätte an diesem Freitag besucht. Beide Seiten bemühen sich peinlichst darum, auf die gegenseitigen Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Der stellvertretende Sicherheitsberater des Präsidenten, Ben Rhodes, sagte, der Besuch gebe die Möglichkeit, „das Gedenken an alle Unschuldigen, die in diesem Krieg ums Leben kamen, zu ehren”.

Das Weiße Haus widersprach innenpolitischen Kritikern, die in der Reise bloß ­„einen weiteren Halt auf Obamas globaler Entschuldigungstour” sehen. Es gebe keine Pläne, sich für etwas zu entschuldigen, betonte Obamas Sprecher Josh Earnest. „Der Präsident wertschätzt die Entscheidung, die Präsident Truman damals aus den richtigen Gründen heraus getroffen hat.” Es gehe nicht darum, dies aus heutiger Sicht infrage zu stellen.

Auch die Gastgeber versuchen, das emotional aufgeladene Thema mit Fingerspitzengefühl zu behandeln. Ministerpräsident Shinzo Abe drängt nicht auf eine Entschuldigung oder entsprechende Gesten Obamas. Stattdessen appelliert er an die gemeinsame Verantwortung im Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt. „Japan ist das einzige Land, das von einer Nuklearwaffe getroffen wurde”, sagte Abe. „Wir wollen ­sicherstellen, dass sich diese fürchterliche Erfahrung nie wieder irgendwo wiederholt.“

Präsident Obama hat die atomare Abrüstung zu einem Kernanliegen seiner Außen- und Sicherheitspolitik gemacht. Sein Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt war Teil der Begründung für die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn im Jahr 2009.

Seine Bilanz im Bereich der Nicht-Weiterverbreitung von Atomwaffen fällt allerdings gemischt aus. Während er in seiner Amtszeit mit Russland zu einem neuen „Start“-Abkommen gelangte (2010), dass die Zahl der strategischen Nuklearwaffen auf 1550 begrenzte, und nach zähen Verhandlungen ein Atomabkommen mit dem Iran durchsetzen konnte (2015), gab es an anderer Stelle Rückschläge.

Obama stimmte der Modernisierung des Atomwaffenarsenals der USA für eine Billion Dollar zu. Ein Schritt, in dem viele Experten das Potenzial für ein neues Wettrüsten mit Russland sehen. Darüber hinaus gelang es dem kommunistischen Nordkorea, einen Atomsprengkopf zu entwickeln, der auf einer Trägerrakete Ziele in Südkorea und Japan erreichen kann.

All das bedeutet für Obama eine Gratwanderung, wenn er den Friedenspark von ­Hiroshima besucht. Seine rhetorischen Fähigkeiten, so Beobachter, werden noch einmal auf das höchste gefordert sein.

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