Syrien-Konflikt

Die Hoffnung auf Überleben in Idlib schwindet täglich

Während die Türkei die syrische Armee angreift, flieht die Bevölkerung vor den Bombardements um ihr Leben.
02.03.2020, 20:22
Lesedauer: 2 Min
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Die Hoffnung auf Überleben in Idlib schwindet täglich
Von Birgit Svensson
Die Hoffnung auf Überleben in Idlib schwindet täglich

Diese syrische Familie sucht Schutz in einem eigentlich unbewohnbaren Gebäude an der türkischen Grenze, nachdem sie vor Bombenangriffen aus Maarat al-Numan südlich von Idlib fliehen musste.

Alkharboutli/dpa

Der syrische Präsident Baschar al-Assad wird im Bürgerkrieg von Russland unterstützt, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dagegen steht auf Seite der Rebellen. In Idlib stehen sie sich jetzt gegenüber. Vor drei Tagen hat die Türkei unter dem Namen „Frühlingsschild“ eine Militäroffensive in Nordsyrien gestartet. Die Lage in der Provinz Idlib, Syriens letzte Rebellenbastion, spitzt sich immer weiter zu. Am Montag teilte das türkische Verteidigungsministerium mit, zwei syrische Suchoi-Su-24-Jets, die zuvor „unsere Flugzeuge angegriffen“ hätten, seien abgeschossen worden. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana hingegen spielte den Fall herunter und behauptete, dass die türkische Armee zwar die beiden syrischen Kampfflugzeuge „ins Visier“ genommen habe. Die beiden Piloten seien jedoch abgesprungen, es gehe ihnen gut. Moskau sprach gar von Fake News: Es sei alles gar nicht wahr.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London ordnete das Geschehen realistischer ein und sprach von „mindestens 19 Soldaten der syrischen Regierung“, die getötet wurden. Damit sei die Zahl der toten syrischen Soldaten in 72 Stunden auf 93 gestiegen, Tendenz steigend. Gegen anfänglichen Widerstand ist Russlands Präsident Wladimir Putin nun anscheinend doch bereit, Erdogan zu treffen, um einen Waffenstillstand zu verhandeln. Der türkische Präsident hatte ursprünglich einen Vierergipfel mit Deutschland und Frankreich angeregt, um eine weitere Eskalation in Idlib zu vermeiden. Doch Putin wollte anfangs davon nichts wissen. Angesichts der zunehmenden türkischen Angriffe wird Putin Erdogan am Donnerstag treffen – ohne Angela Merkel und Emmanuel Macron.

Unterdessen halten die Kämpfe in der Provinz Idlib unvermindert an, Hunderttausende Zivilisten sind auf der Flucht. Es sollen sogar bis zu eine Million sein. Die in der Schweiz registrierte internationale Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ betreibt im Nordwesten Syriens, wo derzeit die Kämpfe toben, eine Spezialklinik für Opfer von Verbrennungen, außerdem mobile Kliniken für allgemeine medizinische Hilfe und Grundversorgung. Die Ärzte dort sprechen von willkürlichen Angriffen auf Wohngebiete in der Provinz Idlib. „Wir wissen nicht, wie wir erreichen können, dass sie diese wahllosen Angriffe stoppen“, sagt Cristian Reynders, Projektkoordinator für Nordwestsyrien am Telefon. „Wir wissen nicht, wie wir erreichen können, dass sie humanitäres Völkerrecht einhalten. Wir haben viele Male von den Kriegsparteien in Syrien gefordert, die Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht einzustellen, auch vor dem UN-Sicherheitsrat. Wir verlangen mit äußerster Dringlichkeit, dass die Regeln des Krieges endlich eingehalten werden. Zivilisten und zivile Infrastruktur müssen geschützt werden. Dieser Appell richtet sich an die syrische Regierung und ihre Unterstützer, inklusive ihres wichtigsten militärischen Verbündeten Russland, ebenso wie an die oppositionellen Gruppen und die Türkei.“

Zwei der Krankenhäuser schickten erste Auszüge aus den Patientenregistern. Darin sind 66 Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Verletzungen aufgeführt, die größere chirurgische Eingriffe erforderten. Mindestens 14 der schwer verletzten Patienten waren Kinder. Zudem wurde auch die direkte Umgebung von beiden Krankenhäusern beschossen. Geschosse schlugen weniger als 100 Meter entfernt ein. „Wie viele Mütter müssen ihr Baby im Arm halten, während überall Bomben fallen? Wie viele Väter müssen ihre Kinder beruhigen und sie zum Lachen bringen, während überall Feuer ausbricht?“, fragt Reynders. „Die Menschen in Idlib hoffen nur noch, am Leben zu bleiben. Ihre Hoffnungen werden von Minute zu Minute, von Tag zu Tag geringer.“

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