Kommentar über 100 Jahre Faschismus

Die ideellen Nachfahren des Benito Mussolini

1919 begann in Italien die Geschichte des faschistischen Regimes. Die Ära des Diktators Mussolini ist bis heute in Politik, Architektur und Kultur noch präsent, analysiert Hendrik Werner.
04.04.2019, 20:09
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Die ideellen Nachfahren des Benito Mussolini
Von Hendrik Werner

Der Duce war ein kleiner Mann mit großen Visionen. Als zutreffend erwies sich immerhin jene, die seinen eigenen Tod betraf: Jeder sterbe, wie es seinem Charakter entspreche, sprach auf dem Zenit seiner Macht Benito Mussolini (1883-1945), der ab 1925 das faschistische Regime in Italien anführte.

Am 28. April 1945 wurde er am Comer See von Partisanen festgenommen und erschossen. Tags darauf hing sein Leichnam neben dem seiner Geliebten Clara Petacci kopfüber am Dach einer Tankstelle in Mailand. Zuvor hatte eine aufgebrachte Menge die leblosen Körper getreten und bespuckt. Bei ihrer Zurschaustellung wurden die Toten beschimpft und mit Dreck beworfen.

So endete in dem Land, wo neben Zitronen auch saure politische Ideologien blühen, die erste Hoch-Zeit der faschistischen Bewegung, die vor 100 Jahren durch Gründung der Frontkämpfervereinigung „Fasci italiani di combattimento“ entstand. Zwei Jahre später wurde dieser Bund in eine Partei umgewandelt, die sich 1925 zur diktatorischen Herrscherin von Gnaden des Duce aufschwang.

Es war der US-Schauspieler Jim Carrey („Die Truman-Show“, „Dumm und dümmer“), der jüngst auf Twitter in Gestalt eines Cartoons an das ruchlose Ende des ruchlosen Führers erinnerte. Der politisch bewegte Komiker, der auch gern Donald Trump karikiert, versah seine Zeichnung des an den Füßen aufgeknüpften Paares mit diesen Worten: „Falls ihr euch fragt, worauf Faschismus hinausläuft, fragt einfach Benito Mussolini und seine Geliebte Claretta."

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Prompt empörte sich die Enkelin des Duce über das ausgerechnet im Faschismus-Jubiläumsjahr lancierte Werk: Carrey sei ein Bastard, twitterte Alessandra Mussolini, die zwar seit dem Jahr 2014 als Fraktionsmitglied der Europäischen Volkspartei im Straßburger Parlament sitzt, aber vor allem als ideelle Nachlassverwalterin ihres Großvaters für Schlagzeilen sorgt.

Zumal im einstigen Stammland der Bewegung ist Massenmörder Mussolini, der 1940 an der Seite der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler in den Zweiten Weltkrieg eintrat, noch auffällig präsent: Souvenir- und Antiquitätenläden führen Büsten mit seinem Konterfei, Buchhandlungen bieten reichlich Literatur von ihm und über ihn an; selbst auf Weinflaschenetiketten und Kalendern, Bechern und Krügen sind Duce-Abbilder populär.

Berufen auf Mussolini

Auch realpolitisch ist offenbar wieder Staat mit ihm zu machen. So sagte vor gut zwei Wochen der Präsident des Europaparlaments, der Italiener Antonio Tajani, vor der Einführung der Rassengesetze habe Mussolini auch „einige positive Dinge getan“. Die Mitglieder der neofaschistischen Partei Casa Pound Italia, benannt nach dem US-Dichter Ezra Pound, der den Duce vergötzte, berufen sich ebenso auf Mussolini wie konservative Kunstkreise, die ihn als inspirierenden Paten faschistischer Architektur (etwa des römischen Megalomanie-Viertels EUR), Literatur (Gabriele D'Annunzio) und Malerei (Giorgio de Chirico) preisen.

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Verhohlener pflegt sein Andenken die derzeit stärkste Partei Italiens: Die rechtspopulistische Lega Nord, geführt von Innenminister Matteo Salvini, der auch Vize-Ministerpräsident des Landes ist, hat in den vergangenen Monaten das Asylrecht signifikant eingeschränkt, mehr Abschiebungen durchgesetzt, Flüchtlingsunterkünfte schließen und Rettungsboote blockieren lassen.

Unterdes feiert seine Partei bei Regionalwahlen Triumphe, die Matteo Salvini überaus zuversichtlich auf die Europawahl Ende Mai blicken lassen: In der Basilikata im Süden Italiens verdreifachte die Lega ihren Stimmenanteil Ende März auf 19 Prozent.

Traum vom Durchmarsch

Im Verbund mit Silvio Berlusconis konservativer Bewegung Forza Italia und den postfaschistischen Fratelli d’Italia hat die Lega in diesem Jahr bereits sechs regionale Urnengänge für das rechte Lager entschieden. Weil zugleich der nationale Koalitionspartner schwächelt, Beppe Grillos Fünf-Sterne-Spaßguerilleros, träumt Salvini laut von einem Durchmarsch auf Rom und einer rechtspopulistischen Mehrheit in Europa.

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Als Ahnherr von Bewegungen, die auf die unmerkliche Abschaffung der Demokratie sinnen, ist Mussolini unerreicht. „Wenn du ein Huhn langsam rupfst, Feder um Feder, kriegt es keiner mit“, lautet ein, nun ja, geflügeltes Wort des kleinen Diktators mit den großen Visionen. Schaut man sich den immer noch und immer wieder fruchtbaren Schoß an, aus dem das kriecht, kann einem angst und bange werden um Italien und Europa im Würgegriff von Rechtspopulisten, die sich – mehr oder minder offen – als ideelle Nachfahren Mussolinis begreifen.

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