„Die Kopten gelten als Rechtlose“

Wann und warum waren Sie jüngst in Ägypten, wen haben Sie getroffen?Jörg Mosig: Wir waren vom 21. bis 28.
03.03.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Die Kopten gelten als Rechtlose“
Von Norbert Pfeifer

Wann und warum waren Sie jüngst in Ägypten, wen haben Sie getroffen?

Jörg Mosig: Wir waren vom 21. bis 28. Februar dort auf Initiative von Bischof Damian, der für die Kopten in Deutschland zuständig ist. Eigentlich ging es um die Begegnung mit den ägyptischen Klöstern. Das Anto­niuskloster und das Pauluskloster am Roten Meer sind die ältesten Klöster der gesamten Christenheit. Wir haben zudem ein Diakonie-Zentrum besucht, was bei den Kopten sehr ungewöhnlich ist. Dort werden auch traumatisierte Frauen behandelt; die Begegnung mit ihnen war sehr bewegend. Höhepunkt war jedoch das Treffen mit dem Papst der Kopten, Tawadros II. Er ist ihr 118. Oberhaupt, das koptische Papsttum ist älter als das römische.

Aber es ist existenziell bedroht?

Wir haben auch die Kirche besucht, die am 11. Dezember Ziel eines verheerenden Anschlags war. Die Regierung hat damals in Windeseile versucht, den Schaden zu beheben – aus Imagegründen. Die koptische Kirche hat aber darauf bestanden, dass die Granatsplitter quasi als Mahnmale in den Säulen blieben. Man sieht auch noch Blutflecken, das geht einem schon sehr nahe.

Wie würden Sie die heutige Lage der Christen in Ägypten beschreiben?

Sie ist katastrophal. Es hat sich zwar durch den Regimewechsel zu Feldmarschall Al-Sisi leicht verbessert, unter Präsident Mursi und seinen Moslembrüdern war es eben noch katastrophaler. Aber während wir dort waren, hat die islamistische Terrortruppe Daesch allen Christen in Ägypten den Krieg erklärt.

Wie ist das geschehen?

Kopten haben mir auf ihren Handys Videos des Daesch gezeigt mit Todeslisten. Ganz oben steht ihr Papst. Kanzlerin Merkel sagt zwar, die Situation der Christen in Ägypten sei gut, aber das stimmt nicht. Vor einigen Tagen etwa hat ein Exodus von der Halbinsel Sinai begonnen. Hunderte sind erst einmal in einer anglikanischen Gemeinde untergekommen. Auf dem Sinai ist es besonders schlimm, das hat auch mit der Nachbarschaft zum Gazastreifen zu tun: Daesch und Hamas arbeiten zusammen, nicht nur beim Waffenschmuggel.

Wie groß ist denn die koptische Gemeinde?

Das sind rund zehn Prozent der Bevölkerung. Es gibt kein Meldewesen, aber man geht von acht bis neun Millionen aus. Es ist also keine verschwindende Minderheit.

Aber sie werden diskriminiert?

Ja, sie haben zum Beispiel keine freie Schul- und Berufswahl. Die Männer müssen wie alle Wehrdienst leisten, können aber nicht Offiziere werden. Koptische Zeugenaussagen gelten nicht vor Gericht.

Daran hat sich unter Al-Sisi nichts geändert?

Nein. Schon Sadat wollte ja die Christen loswerden. Während wir dort waren, hat es auch verschiedene Morde gegeben. Ein junger Mann wurde bei lebendigem Leib verbrannt. Die Kopten gelten als Rechtlose: Junge Männer haben vor Bischof Damian ausgespuckt oder mit dem Zeigefinger auf ihn gezielt, als wollten sie ihn erschießen. Wir alle fanden das sehr bedrückend.

Der militante Christenhass beschränkt sich also nicht auf Moslembrüder und Daesch?

Es ist eine Grundstimmung. Aber Polizisten und Soldaten sind natürlich auch Opfer des Daesch. Wir selbst hatten während der ganzen Woche Polizeischutz: Nicht nur ein Beamter als Begleitung, sondern zum Teil je einen Armeewagen vor und hinter unserem Bus. Beklemmend, denn es war ja eigentlich eine Pilgerfahrt. Das zeigt, dass dort eigentlich nichts normal ist.

Aber dieses eigentlich anti-islamistische Militärregime kann die Christen nicht wirklich schützen?

Nein, gar nicht. Wir haben mit Kopten gesprochen, deren Häuser angezündet wurden – die Feuerwehr ist einfach nicht gekommen oder viel zu spät. Präsident Al-Sisi macht zwar auf der politischen Ebene Versprechungen und Zugeständnisse, aber im Alltag tut sich nichts.

Sie haben am Anfang des Gesprächs traumatisierte Frauen erwähnt. Was ist denen passiert?

Sie wurden Opfer von Vergewaltigungen und Entführungen. Wenn sie dann unter Zwang den Vergewaltiger heiraten, bleibt der nach islamischem Recht straffrei. Koptische Frauen tragen kein Kopftuch, sie werden also schnell als potenzielle Opfer ausgemacht, bedroht und sexuell genötigt. Aber es richtet sich im Grunde gegen die ­ganze koptische Kultur: Man will sie ausrotten.

Die Fragen stellte Joerg Helge Wagner.

Zur Person

Jörg Mosig ist seit 2013 Pastor der Bremer Gemeinde Alt-Hastedt. Der 48-Jährige lebte sechs Jahre in England, wo er auch promovierte. Enge Kontakte pflegt er zu den Kopten, der uralten Christengemeinde Ägyptens.
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