Elena Matera über Klimamanipulation

Die künstliche Erdabkühlung ist keine Option

Im letzten Bericht des Weltklimarats wurde Geo-Engineering als ernstzunehmende Option genannt. Eine verlockende Idee. Doch die Folgen für Natur und Mensch sind risikoreich, meint Elena Matera.
10.12.2018, 20:00
Lesedauer: 3 Min
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Die künstliche Erdabkühlung ist keine Option
Von Elena Matera
Die künstliche Erdabkühlung ist keine Option
NASA Goddard Space Flight Center

Es ist ein Notfallplan, über den keiner so richtig spricht und der doch existiert: Geo-Engineering, die gezielte Veränderung des Klimas durch technische Maßnahmen. Das Ziel: die Erde künstlich abkühlen zu lassen.

Bislang beruhte die Klimapolitik auf der Reduzierung von Treibhausgasemissionen und der Anpassung an den Klimawandel, etwa durch hitzeresistente Pflanzen. Im letzten Sonderbericht des Weltklimarats wurde auch Geo-Engineering als ernstzunehmende Option genannt. Der Grund: Zur Umsetzung der Zielvorgabe des Pariser Abkommens von 2015 würden herkömmliche Klimaschutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen. Technische Eingriffe müssten in Erwägung gezogen werden – eine bittere Erkenntnis.

Auf der noch bis Freitag stattfindenden UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice wird deutlich, dass die Staaten in der Tat weit davon entfernt sind, das vorgegebene 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Keines der Mitglieder hat sich in den vergangenen Jahren mit Erfolg bemüht, Fortschritte in der Klimapolitik zu erzielen. Auch Deutschland hat versagt, obwohl es sich nur zu gerne als Musterschüler in der Klimapolitik präsentiert.

Deutschland wird nationales Klimaziel für 2020 nicht erreichen

Dieses Jahr hat Deutschland sogar den Negativpreis „Das Fossil des Tages“ von Umweltschützern erhalten. Es wird sein nationales Klimaziel für 2020 nicht erreichen. Das Land hat es nicht geschafft, aus der Kohle auszusteigen oder sich um eine bessere Klimapolitik zu bemühen. Das Klima technisch zu regeln – eine verlockende Idee für Politik und Wirtschaft. Die Menschen könnten so weiter leben wie bisher. Irgendwann, in zehn oder zwanzig Jahren, kann die Staatengemeinschaft mit technischen Mitteln eingreifen. Doch eben dieses Denken ist problematisch.

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Beim Geo-Engineering wird bislang zwischen zwei Methoden unterschieden. Bei der ersten soll eine schnelle globale Abkühlung durch die Ablenkung des Sonnenlichts erzielt werden. Dabei wird vor allem ein Ansatz intensiv diskutiert: das konstante Sprühen von Schwefelpartikeln in die Atmosphäre. Inspiriert wurden die Forscher von dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991.

Dabei wurden 20 Millionen Tonnen Schwefel in die Luft eingebracht. Der Planet kühlte innerhalb weniger Monate um 0,5 Grad Celsius ab. Der Effekt ist bei Vulkanen nur kurzfristig. Um den Kühlungseffekt zu verlängern, bedarf es daher einer konstanten Sprühung von Schwefelpartikeln. Die Folgen dieser Methode sind für Natur und Menschen risikoreich.

Die zweite Methode sieht vor, der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid zu entziehen. Diese Art des Geo-Engineerings ist wesentlich kosten- und zeitintensiver. In der Schweiz gibt es bereits einen ersten Versuch Kohlenstoffdioxid mit Maschinen aus der Luft zu saugen und im Erboden zu speichern. Welche Konsequenzen diese Methode langfristig für den Erdboden und das Grundwasser mit sich bringt, ist noch unbekannt.

Geo-Engineering könnte zu Paradigmenwechsel in der Klimapolitik führen

Es wird bereits viel Geld in die Geo-Engineering-Forschung gesteckt. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt 18 Universitäten und Institute mit über zehn Millionen Euro, um Geo-Engineering zu erforschen. Die zunehmende Fokussierung auf Geo-Engineering könnte jedoch dazu führen, dass es zu einem Paradigmenwechsel in der Klimapolitik kommt. Wenn Geo-Engineering zur Verfügung steht, müsse man sich nicht mehr um das Einsparen von Treibhausgasen bemühen. Es wäre eine Klimapolitik der Ignoranz.

Fakt ist: Spätere Generationen werden mit den Auswirkungen unserer heutigen Klimapolitik leben müssen. Würden wir heute mehr Treibhausgase einsparen, wäre Geoengineering später gar nicht nötig. Stattdessen wird in die zweifelhaften Techniken investiert, die weitreichende Risiken mit sich bringen können – nicht nur für die Natur, sondern auch für die internationale Sicherheit. Wenn wir technisch in das Klima eingreifen, kann es zu ungeahnten Folgen kommen, die Ökosysteme vernichten könnten.

Um das zu verhindern, bedarf es heute strikterer Regeln und Maßnahmen. Treibhausgase müssen endlich konsequent eingespart und Erneuerbare Energien vorangebracht werden. Ansonsten sehen sich nachkommende Generationen dazu gezwungen, Geo-Engineering tatsächlich als letztes Mittel einzusetzen. Für sie wäre es dann Realität, konstant Schwefelpartikel in die Atmosphäre zu sprühen. Sie hätten dadurch weitaus weniger Sonneneinstrahlung. Es wäre ein Leben in einer abgedunkelten Welt – ein Szenario, das sich keiner wünschen mag. Und spätere Nachkommen werden sich dann fragen: Warum habt ihr nichts getan?

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