Fünf Jahre nach „Charlie Hebdo“ Die Last des Erlebten

Vor fünf Jahren ereignete sich der islamistisch motivierte Terroranschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Ein Rückblick auf den Anschlag und seine Folgen.
05.01.2020, 21:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Birgit Holzer

Mit „Skandal!“ titelte „Charlie Hebdo“ in seiner Ausgabe vor den Feiertagen. „Der kleine Jesus wird Weihnachten nicht mit seiner Familie verbringen können.“ Illustriert wurde diese unfrohe Botschaft mit der Zeichnung eines nackten Wesens, halb Baby, halb Mann, das einen Heiligenschein über dem Kopf und Flügel an den Schultern trägt und mit zornigem Gesichtsausdruck an einem einsamen Zuggleis wartet.

Das Titelblatt, das auf den auch über die Festtage fortgesetzten Streik der französischen Eisenbahner gegen die Rentenreformpläne der Regierung anspielt, transportiert zwei „Charlie“-typische Kernthemen: die Nacktheit als ewig provozierender Hingucker und als Ausdruck eines bewusst vulgären Humors, der manche amüsiert und andere abstößt. Im Fall des nackten Christkindes wirkt das noch harmlos, aber die Titelseite zum Anlass der Frauen-Fußball-WM im Sommer 2019 mit einer Vagina in Nahaufnahme, aus der ein Fußball schlüpft, löste Empörung aus.

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Neben diesem permanenten Wandeln entlang der Gürtellinie oder gerne auch darunter gilt als Markenzeichen die freimütige Verspottung der Religionen – und zwar aller Religionen. „Charlie Hebdo“ bezeichnet sich selbst als „satirisches und laizistisches Magazin“, das stets das Eindringen des Religiösen in die öffentliche Sphäre kritisierte. 2006 druckte es die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten nach und verzichtete auch nicht auf Verunglimpfungen von Religionsvertretern. Vor genau fünf Jahren, am 7. Januar 2015, bezahlte es teuer dafür.

Die erste Konferenz des Jahres lief gerade mit den üblichen Diskussionen und Witzeleien, als die Brüder Saïd und Chérif Kouachi mit Kalaschnikows bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und drauflosschossen. Sie töteten zwölf Menschen – darunter zwei Polizisten – und verletzten elf weitere teils schwer. „Wir haben den Propheten gerächt“, riefen die Täter, bevor sie flohen. Zwei Tage später wurden sie in ihrem Versteck rund 40 Kilometer von Paris entfernt von Sicherheitskräften getötet. Ein weiterer Terrorist, Amedy Coulibaly, erschoss am 8. Januar 2015 eine Polizistin auf der Straße und ermordete am Folgetag bei der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt vier Menschen, bevor ihn die Polizei erschoss. Diese Vorfälle vom Januar 2015 haben über die französischen Grenzen hinaus zutiefst erschüttert. Sie galten als Auftakt einer blutigen Terrorserie von islamistisch motivierten Morden, die sich nicht nur in Frankreich, sondern auch in Belgien, Großbritannien und London ereigneten.

„Ausgabe der Überlebenden“

Am Wochenende danach kamen Millionen Menschen sowie auf Einladung des französischen Präsidenten François Hollande zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt zu Solidaritätskundgebungen für die Terror-Opfer. In der Folgewoche produzierte „Charlie Hebdo“ eine „Ausgabe der Überlebenden“ mit einer Auflage von acht Millionen und in sechs verschiedenen Sprachen, die einen weinenden Propheten Mohammed zeigte: „Alles ist vergeben“, stand auf dem ­Titel.

War das Magazin gerade noch dem Bankrott nahe gewesen, nahm es nun Spenden von insgesamt 4,3 Millionen Euro ein. Das Schlagwort „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) in weißen Lettern auf schwarzem Hintergrund ging um die Welt. Doch wie viele der Menschen, die sich zu uneingeschränkter Solidarität mit dem Magazin bekannten und damit stellvertretend zur Presse- und Meinungsfreiheit, wussten, wer oder was „Charlie“ überhaupt war ? Diese Frage stellte sich Luz, als er sich inmitten dieser Welle der nie gekannten Zuneigung wiederfand.

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Renaud Luzier, wie er mit vollem Namen heißt, arbeitete 23 Jahre lang für das Satiremagazin. Am Morgen des 7. Januar 2015, seinem Geburtstag, kam er mit Verspätung in die Redaktionskonferenz – nach dem Blutbad. Er blieb am Leben, verlor aber viel: seine Kollegen, die zugleich seine Freunde waren, und den Halt. Die schwere Verarbeitung des Traumas beschrieb Luz in dem Comicbuch „Katharsis“. 2018 brachte er einen weiteren Erwachsenen-Comic über „Charlie Hebdo“ heraus, der im Herbst auf Deutsch unter dem Titel „Wir waren Charlie“ erschienen ist.

„Unauslöschbar” heißt das Buch auf Französisch – unauslöschbar wie die schwarze Farbe an den Fingern von Charb, dem früheren Chefredakteur, einem der Todesopfer. Unauslöschbar wie die Erinnerungen an ihn und die anderen ermordeten Zeichen-Ikonen wie Georges Wolinski oder Jean Cabut, den man liebevoll Cabu nannte. Luz öffnet den Blick hinter die Kulissen eines Magazins, in dem viel gelacht und herumgealbert, aber auch hart gearbeitet wurde. Man war politisch engagiert, ging mit dem Zeichenstift auf Reportagereisen und setzte sich keine Grenzen: je derber und anzüglicher die Ideen, desto besser. „Es stimmt, dass wir manchmal lustiger dabei waren, die Zeitung zu machen, als dann in der Zeitung selbst“, räumt Luz heute ein.

Witze auf Kosten anderer

Diese Kritik gegen „Charlie Hebdo“ gab es seit jeher: Dass Witze, die auf Kosten anderer gehen, schal klingen und verletzen können. So wie eine ­Karikatur vom 1. Dezember 2019, gegen die Thierry Burkhard, der Stabschef der Landstreitkräfte, in einem offenen Brief protestierte. „Ich habe mich den Truppen angeschlossen, um aus der Masse herauszustechen“, stand über einem Sarg mit der französischen Flagge. Darunter prangte eine vermeintliche Werbung: „Die Landstreitkräfte rekrutieren: 15.000 Posten“. Kurz zuvor waren 13 französische Soldaten bei einem Einsatz in Mali getötet worden. „Charlie Hebdo“ hatte gemacht, was das Kerngeschäft ist: provozieren, aufregen, aufrütteln.

Für viele ist die Zeitung aber nur noch ein müder Abklatsch von früher. Viele der besten Zeichner und Karikaturisten sind tot. Über das eingesammelte Geld und dessen Aufteilung zerstritt sich die Redaktion. Luz, der nach dem Attentat vergeblich für eine Pause plädiert hatte, um neue Kraft zu sammeln, liest das Magazin nicht mehr, hat sämtliche Kontakte abgebrochen. Auch andere „Überlebende“ verfassten inzwischen Bücher über ihren Umgang mit dem Erlebten.

Aufgrund der großen Anteilnahme aus Deutschland entstand nach dem Anschlag eine deutschsprachige Ausgabe, die teils eigens angefertigte Karikaturen, teils Übersetzungen aus der französischen Version zeigte, aber nach einem Jahr wieder eingestellt wurde: Der „Charlie“-Humor kam rechts des Rheins kaum an. Die damals für die deutsche Ausgabe zuständige Chefredakteurin Romy Straßenburg schrieb in ihrem Buch „Adieu Liberté“, es sei „eine verdammte Last in deinem Kopf“, zum Symbol der Pressefreiheit zu werden. „Charlie“ habe keine moralische Überlegenheit gepachtet, so Straßenburg. „Die Arbeit ist nicht ausschließlich spannend. Es gibt ätzende Kollegen, angespannte Stimmung, zugeworfene Türen.“ Es handelte sich um eine Zeitung wie jede andere – die dennoch weiter ihr Schicksal zu schultern hat. Und daran wird der 7. Januar besonders erinnern.

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