Kommentar über Boykotte in den USA

Die Sittenwächter von rechts und links

Der Streit um die „Cancel Culture“, des systematischen Boykotts von Personen und Positionen, schafft einen künstlichen Gegensatz und spaltet die US-Gesellschaft. Das meint unser Korrespondent Thomas Spang.
17.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Sittenwächter von rechts und links
Von Thomas Spang

Eine alte Debatte kommt in neuem Gewand. 1991 beklagte der damalige Präsident George Bush in einer Feierstunde für die Absolventen der Universität von Michigan zu viel politische Korrektheit in den USA. Die „PC-Kultur“ werde von dem Wunsch getrieben, die Überbleibsel von Rassismus, Sexismus und Hass zu beseitigen. Tatsächlich aber schaffe sie neue Ungerechtigkeiten, indem sie bestimmte Themen, Begriffe und Gesetzen verbiete.

Bush unterschlug den Kontext der Amtsjahre des vorangegangenen Präsidenten Ronald Reagan, die zunächst in akademischen Zirkeln das Bewusstsein für die in Sprache, Kultur und Alltag tief verankerten Vorurteile schärfte. Das Pendel schwang in die Gegenrichtung und schlug dabei manchmal grotesk über das Ziel hinaus. Was den links-liberalen Bill Maher dazu bewegte, seine Satire-Show auf dem TV-Kanal „Comedy Central“ provokant „Politically Incorrect“ zu taufen. Im seit dem Bürgerkrieg nie zu Ende gegangenen Kulturkampf setzte sich politische Korrektheit als Schimpfwort der amerikanischen Rechten durch, um Forderungen nach gesellschaftlich längst überfälligen Reformen zu neutralisieren.

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Dieses Phänomen hat über die Jahre Patina angesetzt. An seine Stelle tritt nun die "Cancel Culture", zu Deutsch etwa Streichkultur, sinngemäß: systematischer Boykott. Präsident Donald Trump klagte in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag unter Bezug auf den Aktivismus der "Black Lives Matter"-Bewegung, dies sei "die eigentliche Definition von Totalitarismus”. Dafür gebe es in den USA keinen Platz. Was er indes mit Wort von einer "Streichkultur" meinte, ist so schwammig, wie der Gebrauch von "Cancel Culture" in der öffentlichen Debatte. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass auf gesellschaftlichen Druck hin kulturelle Symbole fallen oder Personen über ihr Tun und Sagen am Ende Reputation, Arbeit oder Amt verlieren.

Entstanden als Reaktion auf die von Trump geschürte weiße Opferkultur, in der es oft um unverblümten Rassismus und Sexismus geht, schlägt das Pendel mit der vollen Wucht zurück. Getragen von den Vertretern einer neuen Generation, die sich als „Wokes“ (Erwachte) verstehen, und die die „von alten weißen Männern“ geprägten Machtstrukturen infrage stellt. Frauen bringen mit der „Me Too“-Bewegung nicht nur Harvey Weinstein zu Fall. „Black Lives Matter“ zieht Polizisten zur Verantwortung und stürzt Denkmäler, die für nicht aufgearbeitete Geschichte und strukturellen Rassismus stehen. Die Latinos rufen zum Boykott des Konservenherstellers „Goya“ auf, weil dessen Chef einen Präsidenten überschwänglich lobt, der gegen Mexikaner hetzt und geflüchtete Kinder in Käfige sperrt.

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Problematischer wird es, wenn verantwortliche Redakteure bei der "New York Times" ihren Job verlieren, weil sie auf der Meinungsseite den Abdruck des polemischen Beitrags eines republikanischen US-Senators erlaubten. Oder wenn der Unternehmenssprecher von Boeing gehen muss, weil er vor 30 Jahren etwas gegen Frauen beim Militär sagte. Beispiele wie diese sind den rund 150 Intellektuellen vor Augen, die in der US-Trendzeitschrift "Harper’s Bazaar" vor politischer Übergriffigkeit warnen. "Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird von Tag zu Tag mehr eingeschränkt”, klagen Prominente wie Bill Maher, Noam Chomsky, Salman Rushdie, und J. K. Rowling. Sie realisieren, dass die junge Generation der "Erwachten" dank Twitter & Co. auch an der Meinungsführerschaft der etablierten Linken rüttelt.

Wie absurd die Debatte zuweilen ist, zeigt sich darin, dass sie den König der „Cancel Culture“ außer Acht lässt. Trump versuchte gerade erst, die Veröffentlichung der Bücher seiner Nichte Mary Trump und seines ehemaligen Sicherheitsberaters John Bolton zu verhindern. Er hat zu diversen Boykotten aufgerufen.

Der Begriff „Cancel Culture“ suggeriert eine falsche Alternative. Rechenschaft und freie Rede sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Denn aus der öffentlichen Kritik wächst die Kraft einer dringend nötigen Veränderung.

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