Kommentar über die Nach-Corona-Ära

Die Zukunft der „Querdenker“

Was wird langfristig aus den „Querdenkern“? Manche werden sich zurückziehen, andere womöglich radikalisieren. Vorbeugend ist ein Dialog mit den Politikverdrossenen dringend nötig, meint Silke Hellwig.
13.12.2020, 05:00
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Die Zukunft der „Querdenker“
Von Silke Hellwig

Was tun, wenn man ins Büro zurückdarf, sich wieder auf dem Freimarkt drängeln und Hände kräftig schütteln, wenn die Bussi-Bussi-Gesellschaft ihrem Namen wieder gerecht werden kann? Fragt man Bürger, sind die Wünsche für die erste Zeit nach bewältigter Corona-Krise bescheiden: die Oma endlich wieder nach Herzenslust knuddeln, sich unbeschwert mit Freunden treffen, ins Kino, ins Theater, Essen gehen, verreisen. Aber was wird aus den sogenannten Querdenkern, wenn es sozusagen nicht mehr viel querzudenken gibt?

Die Motive der Menschen, die sich zu Demonstrationen gegen die Corona-Politik versammeln, sind offenbar höchst unterschiedlich. Es handelt sich um ernstlich besorgte Bürger, denen wegen der massiven Grundrechtsbeschränkungen unwohl ist. Tatsächlich ist eine bundesweite Ausgangssperre, wie derzeit erwogen, noch ein anderer Schnack als eine Maskenpflicht. Man kann davon ausgehen, dass sich dieses Unwohlsein legt, wenn die Beschränkungen aufgehoben sind.

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Andere Querdenker verstehen sich als „Freiheitsbewegung“ und damit als Teil einer Elite: als die einzigen Bürger, die die ungeheuerliche Wahrheit kennen, die durchschaut haben, was hinter den Kulissen vor sich geht. Sie sehen es als Dienst an der Gesellschaft an, ihre Mitmenschen quasi aufzurütteln und frühzeitig vor vermeintlich totalitären Tendenzen zu warnen. Lässt sich dieses tiefe Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Organen ablegen wie ein Kleidungsstück, wie eine wattierte Jacke, die man nicht mehr braucht, wenn die Temperaturen steigen? Bei den einen vermutlich schon, gewiss nicht bei allen.

So ist es eher unwahrscheinlich, dass Xavier Naidoo schlicht zur Tagesordnung übergeht und Musik produziert, Michael Wendler mit Frau durchs Trash-TV tingelt und sich Attila Hildmann hinter den Herd und in Kochbücher zurückzieht. Das lässt sich aus der Qualität der verbreiteten Positionen erahnen. Hildmann: „Ich wusste immer schon dass Politiker lügen, aber dass sie so penetrant und durchdacht 10 Monate lang das Deutsche Volk anlügen ... das macht mich nach wie vor täglich sprachlos! Deutschland wird auf allen Ebenen zerstört und zwar bewusst und unter dem Vorwand einer Lüge!“

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Auch wenn sich die Masse der Querdenker dagegen verwahrt, beispielsweise etwas mit Reichsbürgern zu tun zu haben, wird befürchtet, dass diese Szene durch die neue Protest-Bewegung dauerhaft erstarkt. Es gibt zumindest Parallelen in der Haltung zu Regierungen und Parlamenten. Die „Tagesschau“ berichtete vor rund drei Wochen über Verbindungen zwischen Peter Fitzek, selbst ernanntes Staatsoberhaupt des „Königreichs Deutschland“, und der „Querdenken“-Bewegung. Der baden-württembergische Verfassungsschutz beobachtet die dortige Keimzelle um Michael Ballweg, Gründer der Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“.

Was wird aus diesen Bürgern? Werden sie sich in der Nach-Corona-Ära als Protestler zur Ruhe setzen? Werden sie eine weitere Gruppierung bilden, die sich als politisches Gegenangebot zum Establishment präsentiert? Ballweg zumindest hat daran kein Interesse. „Wir bleiben die außerparlamentarische Bewegung auf der Straße“, sagte er der „Stuttgarter Zeitung“ im Oktober. Weiter berichtet die Zeitung: „Er zweifle daran, dass das Parteiensystem im Moment hilfreich sei (...) ,Es hat uns jetzt in diese Situation geführt'.“

Wer so redet, war mit großer Wahrscheinlichkeit schon vor dem Frühjahr 2020 politikverdrossen. Derartige Entwicklungen, begleitet von sinkender Wahlbeteiligung, kann man nicht wegwischen, nicht ignorieren, mit der arroganten Geste der Mächtigen gegenüber einer Minderheit. Die „Süddeutsche Zeitung“ mahnte im Frühjahr: Deutschland erlebt einen neuen Pegida-Moment“. 2014 gelang es der Politik nicht, in einen Dialog mit den gemäßigten, verunsicherten Menschen zu treten, die im Begriff waren, sich von ihr abzuwenden, aber nichts mit Rechten zu tun haben wollten. Es gelang nicht, Vertrauen zurückzugewinnen. Es sieht nicht danach aus, dass es 2020 anders ist.

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