Streiks in Frankreich

Die Nerven liegen blank

Die Wut im Nachbarland ist groß: Die einen sind sauer auf die Regierung. Die anderen können die Streiks nicht mehr ertragen. Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu - und das kurz vor den Feiertagen.
17.12.2019, 19:24
Lesedauer: 2 Min
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Von Birgit Holzer
Die Nerven liegen blank

Beim Streik dabei sind auch die Angestellten der Staatsbahn SNCF.

Belot/Reuters

Paris. Die Szene wurde vor ein paar Tagen vom Straßenrand aus gefilmt und zeigt, wie eine Tram in Paris außerplanmäßig zum Stehen kommt. Der Fahrer steigt aus und beginnt, die Kartons und eine Mülltonne wegzuräumen, die seine Kollegen auf die Schienen geworfen haben. Für sie ist es eine Gelegenheit, den Streikbrecher anzugreifen. „Schämst du dich nicht?“, rufen sie ihm zu. Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP erklärten später, dass sie das Vorkommnis verurteilten, bei dem es sich aber um einen Einzelfall handele. Im Internet zirkulieren allerdings ähnliche Videos, auf denen Fahrer am Steuer von Trams, Bussen oder Metrozügen von ihren streikenden Kollegen ausgebuht und beschimpft werden.

Von einigen Ausnahmen abgesehen stehen seit fast zwei Wochen die Pariser Metros, Vorortzüge und Busse still. Überall im Land fallen Züge und Flüge aus, auch Schulen bleiben teilweise geschlossen. Am Dienstag fand ein dritter Protesttag mit Demonstrationen im ganzen Land statt. Mit ihren Appellen zum Widerstand wollen mehrere Gewerkschaften die Rentenreform der Regierung verhindern. Das Nachsehen bei einer Reform hätten vor allem die Beamten durch eine veränderte Berechnungsgrundlage. Die Lehrer wehren sich heftig gegen diese Pläne, aber auch die Mitarbeiter der RATP und der Staatsbahn SNCF bangen um die Vorteile. Die Regierung hat inzwischen mehrere Zugeständnisse gemacht, wie Ausnahmen für Polizisten und ein späteres Inkrafttreten der Reform, sodass viele der heutigen Arbeitnehmer gar nicht mehr betroffen wären. Auch an der Regierung zehrt der Konflikt: Am Montag musste der zuständige Rentenhochkommissar, Jean-Paul Delevoye, zurücktreten, weil er etliche Nebentätigkeiten, die teilweise ehrenamtlich und teilweise üppig bezahlt waren, nicht gemeldet hatte.

Noch immer gilt als unsicher, ob der Streik während der Weihnachtsferien und Feiertage fortgesetzt wird; spricht sich bisher eine Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen für den Widerstand gegen die Reform aus, so könnte die Stimmung kippen. In Paris wird diese spürbar angespannter: Die Menschen streiten sich um die verfügbaren Leihräder, drängeln sich an überfüllten Bushaltestellen. Beim Einfahren der fahrerlosen Metros kommt es teils zu brutalem Gerangel.

Die Verfassung sichert allen Arbeitnehmern, auch den Staatsdienern, das Recht auf Streik zu. Doch pro Tag wird diesen ein Dreißigstel ihres Monatsgehalts abgezogen; manche Gewerkschaften haben Kassen eingerichtet, um diese Ausfälle abzufangen. Aber für die Streikenden, die davon nichts bekommen, schlägt sich ein dauerhafter Ausstand deutlich auf dem Gehaltszettel nieder. „Irgendeiner wird immer einen blöden Kommentar ablassen, aber ich selbst weiß, warum ich wieder arbeite“, sagt eine Metrofahrerin im französischen Fernsehen, die anonym bleiben will. „Wenn die Rechnungen kommen, sind sie nicht da, um sie zu bezahlen.“

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