Gewalt unter Flüchtlingen "Die Nerven liegen blank"

Die Politik sucht nach einer Lösung für die Gewalt in Flüchtlingsheimen. Migrationsforscher Jochen Oltmer hätte eine anzubieten.
30.09.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Katharina Elsner

Die Politik sucht nach einer Lösung für die Gewalt in Flüchtlingsheimen. Migrationsforscher Jochen Oltmer hätte eine anzubieten.

Herr Oltmer, einige Politiker fordern, Flüchtlinge getrennt nach Religion unterzubringen.

Ist das die Lösung?

Jochen Oltmer: Das ist problematisch. Die Religion wird bei der Ankunft der Flüchtlinge nicht erfasst, das wäre ein zu großer Aufwand. Personell ist das überhaupt nicht möglich. Es herrscht jetzt schon Chaos. Und man muss genauer hinschauen und fragen, was sind eigentlich die Hintergründe der Konflikte.

Das wollte ich Sie eben fragen. Und?

Die großen Flüchtlingsunterkünfte sind überbelegt und nur provisorisch eingerichtet. Die Flüchtlinge stehen unter hoher körperlicher und seelischer Belastung, sie wissen nicht, ob und wann sie Asyl bekommen und müssen Wochen und Monate in den Unterkünften aushalten. Es herrscht große Unsicherheit und die Nerven liegen bei allen blank. Selbst Lächerlichkeiten oder Banalitäten können damit Konflikte auslösen.

Wie kann man denn die Konflikte lösen?

Das wichtigste: eine Dezentralisierung. Es gibt zu viele große Unterkünfte, die müssen reduziert werden. Außerdem müssen die Flüchtlinge schneller verteilt werden. Dann entspannen sich auch die Konflikte und eine Integration ist eher möglich, denn Kontakt zu Deutschen haben die Flüchtlinge in so einer großen Unterkunft eher nicht. Außerdem verstehen Betreuer und Sozialarbeiter die Konflikte oft nicht. Die Sprache an sich ist ein Problem. Das muss verbessert werden: Kommunikation und Sozialarbeit. Denn es handelt sich eher nicht um Konflikte mit ethnischem oder religiösem Hintergrund.

Läuft man bei dezentraler Unterbringung nicht auch Gefahr, dass sich Flüchtlinge nur mit Gleichgesinnten zusammentun und das eher gegen die Integration wirkt?

Viele, die nach Deutschland kommen, haben bereits Verwandte oder Bekannte hier. Sie können helfen, Wohnung oder Arbeit zu finden, Behördengänge unterstützen und vor allem Orientierung geben. Was macht Deutschland aus? Welche Regeln gelten hier und wie muss ich mich verhalten? Große Unterkünfte wirken dem eher entgegen. Und wir dürfen nicht vergessen: Es sind Schutzsuchende, die zu uns kommen, die zum Teil vor dem IS und vor religiösen Extremisten geflohen sind. Sie haben auch Gewalt erfahren.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger sagt, dass Flüchtlinge, die gewalttätig handeln, sich nicht auf Asyl berufen könnten. Was halten Sie davon?

Rechtlich ist das nicht haltbar. Es gibt ein Grundrecht auf Asyl, also muss man jedes Asylgesuch individuell prüfen. Man kann nicht ohne Grund jemanden abschieben, nur aufgrund von Vermutungen. Wir wissen viel zu wenig darüber, was in den Unterkünften vor sich geht. Mich wundert nur, dass es bisher so ruhig war. Die Aufnahmestellen sind so überbelegt, dafür ist die Zahl der Vorfälle überaus gering.

Das Interview führte Katharina Elsner

Zur Person: Jochen Oltmer ist Professor für Neueste Geschichte am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Sein Schwerpunkt: Gegenwartsgeschichte der Migration.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+