Die Privatisierung politischer Visionen

Viele Bremerinnen und Bremer, ob Tagebaren, Angewachsene oder Zugezogene, haben ein eigentümliches Verhältnis zu ihrem Land. Es gibt hohe Ansprüche an den Staat sowie seine Vertreter und eine stete Bereitschaft zur Kritik.
01.08.2017, 00:00
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Die Privatisierung politischer Visionen
Von Silke Hellwig
Die Privatisierung politischer Visionen

Silke Hellwig

Frank Thomas Koch und Stephan Meinking (U), Frank Thomas Koch

Viele Bremerinnen und Bremer, ob Tagebaren, Angewachsene oder Zugezogene, haben ein eigentümliches Verhältnis zu ihrem Land. Es gibt hohe Ansprüche an den Staat sowie seine Vertreter und eine stete Bereitschaft zur Kritik. Anlässe für Beschwerden finden sich reichlich, manche existieren schon seit Jahren, andere sind neu im Kritiker-Katalog: die finanzielle Lage, die Bildungspolitik, behördliche Dienstleistungen, Kinderbetreuungsangebote, die Entwicklung der Gewerbesteuer, der Wohnungsmarkt, das Sterben des inhabergeführten Einzelhandels, die Baustellen in der Stadt sowie die Nicht-Baustellen – in Schulen, Hochschulen und an anderem öffentlichen Eigentum mit hohem Sanierungsbedarf.

Die Lage des Landes soll sich massiv verbessern, aber fundamental verändern möge sich bitte nichts. Die Skepsis bei neuen Projekten ist groß, das gilt für den Bau des Gebäudes vor dem Hauptbahnhof genauso wie für den Umbau des Sterns. Neue Arbeitsplätze innerhalb der Landesgrenzen sind unbedingt erwünscht, aber die Handelskrake Amazon soll nicht unbedingt der Arbeitgeber sein. Der ökologisch reine Radverkehr soll gefördert werden, nur bitte nicht zulasten des Kraftfahrzeugverkehrs. Ein zentraler Flughafen mit möglichst vielen Direktverbindungen in alle Welt ist ein dickes Plus, sofern er ohne Ein- und Abflugschneisen auskommt. Die Bevölkerung möchte vor jugendlichen Intensivtätern geschützt werden, aber eine geschlossene Einrichtung ist indiskutabel.

Bremens guter Ruf wird in erster Linie durch fußballerische Wunder von der Weser verteidigt. Touristen schwärmen von den Stadtmusikanten, dem Marktplatz, dem Rathaus und der Weser. Alles nicht gerade jüngere Errungenschaften. Ansonsten macht das Land nicht großartig von sich reden, mit der Vorreiterrolle bei der Cannabis-Freigabe lässt sich nicht allzu viel Staat machen. Eine „Zukunftskommission“ soll über die nächste Wahl hinweg denken und entscheiden helfen, wie Bremen mit den Millionen Euro umgeht, die von 2020 an erwartet werden. Weitere Überlegungen zur Zukunft des Landes, sofern es sie gibt, unterliegen offenbar strengster Geheimhaltung.

Doch die Liebe zu Bremen beweist sich als enorm strapazierfähig. Bislang hat noch keine Landesregierung den Bremern ihren Lokalpatriotismus austreiben können. Selbst wenn Familien zum Wohnen ins Umland ziehen, Bremer bleiben sie im Herzen meistens doch. Beim Verkauf der alten Rathaus-Schindeln nahmen unzählige Menschen stundenlange Wartezeiten auf sich, um ein Stück Heimat mit nach Hause zu nehmen. So groß die Unzufriedenheit nach innen auch oft ist, so erbittert wird Bremen in der Regel nach außen verteidigt. Wagt ein Hamburger, sich über Bremen lustig zu machen, reicht ein Wink, sich doch bitte an die eigene Nase zu packen: Die Weltstadt bekleckert sich in jüngster Zeit auch nicht fortwährend mit Ruhm, siehe G 20-Gipfel, die Treppen in der „Elphi“ oder den HSV.

Unverwüstlicher Lokalpatriotismus ist – neben Unternehmergeist – auch ein Motiv für zahlreiche Impulse von Privatleuten, mit denen sich Bremen schmückt. Das Mäzenatentum ist legendär und in seinem Umfang überwältigend. Die Überseestadt wächst und gedeiht. Die Stadt hat dazu ihren Beitrag geleistet, indem sie frühzeitig die entsprechenden Rahmenbedingungen schuf. Indes bedurfte es obendrein großen Eifers und Engelsgeduld privaterseits.

Mittlerweile scheint das unternehmerische Engagement bremischer Lokalpatrioten eine neue Qualität zu entfalten. Großzügige Bremer helfen nicht nur mit Geld aus, wo der bremische Haushalt überfordert ist. Sie springen auch in die Bresche, weil sie offenbar die Geduld verlieren oder die Hoffnung. Für einen Marsch durch die Institutionen, sofern in der roten Hochburg schlechthin möglich, fehlen Zeit und Nerven. Stattdessen suchen diese Bremer nach praktischen Lösungen, wo sich die Politik mit Lösungen offensichtlich schwertut, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Klaus Hübotter baut eine Kita in Tenever. Kurt Zech hat große Pläne für die Innenstadt.

Sich auf diese Weise zu engagieren, ist durchaus ehrenwert, kaum ganz uneigennützig, vor allem aber vielsagend: Bremens Breschen haben eine beachtliche Größe erreicht. Es fehlt längst nicht mehr allein an Geld, sondern auch an Visionen, an Tatendrang und Beherztheit. Es kann helfen, wenn jemand das erkennt und Neues anschubst. Doch eine Regierung, die dies alles dauerhaft Privaten überlässt, verliert ihre Legitimation.

Die Liebe zu Bremen beweist sich als strapazierfähig.
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