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Die Sardinen schwärmen aus

Die italienische Sardinen-Protestbewegung entstand durch einen Flashmob in Bologna - inzwischen ist dieser öffentliche Antipopulismus weit verbreitet und hinterlässt Spuren, schreibt Hans-Ulrich Brandt.
12.01.2020, 05:00
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Die Sardinen schwärmen aus
Von Hans-Ulrich Brandt

Auf der einen Seite – als Feindbild – der gefräßige Hai. Auf der anderen – als die Guten – ein Schwarm kleiner, flinker, metallisch-glänzender Fische. Sie sind überall, werden immer mehr. Das irritiert selbst große Fische. In Italien geht der Fisch-Mob um. Zum ersten Mal in Bologna, inzwischen in – gefühlt – jeder größeren italienischen Stadt. Matteo Salvini, Chef der rechtsextremen Lega, ehemaliger Innenminister und derzeitiger Oppositionschef, ist politischen Widerstand gewohnt. Mit einer solchen Form des Protestes hat er, der Haifisch im Polit-Pool, jedoch nicht gerechnet. Niemand hat damit gerechnet.

Sie sind ein Phänomen. Aus dem Nichts sind sie aufgetaucht. Und nach kurzen, beeindruckenden Massenauftritten verschwinden sie wieder, nur um irgendwo anders wieder auszuschwärmen. Die Rede ist von der Sardinen-Bewegung. Aber was verbirgt sich dahinter? Nur eine fixe Idee von Giulia, Andrea, Roberto und Mattia, den vier Niemanden aus Bologna? Eine Spaßkultur, ein hippes Event? Geht das bald wieder weg oder ist das etwa doch Politik?

Fisch-Flashmop erreicht Rom

Dem ersten Aufruf auf Facebook am 14. November folgen bereits über 10. 000 Menschen. Jugendliche, Familien, Ältere, Migranten – sie alle standen auf der Piazza Maggiore, dicht gedrängt wie Sardinen und sangen das Partisanenlied „Bella Ciao“, das in Italien längst ein Volkslied ist. Keine Reden, keine Parteifahnen, nur selbst gebastelte hochgehaltene Sardinen und das unausgesprochene Signal: Matteo Salvini ist nicht Bologna, ist nicht Italien. Die schweigende Menge steht nicht hinter ihm. Danach folgten Fisch-Flashmobs in mehr als 100 Städten und einen Monat später dann in Rom, der Hauptstadt: Etwa hunderttausend Menschen sollen dabei gewesen sein. Eine neue nationale Protestbewegung war geboren.

„Empört Euch!“ Das forderte vor zehn Jahren in seiner gleichnamigen Protestschrift der Franzose Stéphane Hessel. Sein Credo darin lautet: Keine Macht und kein Gott können dem Einzelnen die Verantwortung abnehmen, sich zu engagieren. Hessel schreibt: „Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: 'Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.'“

Intakte Zivilgesellschaft

Hessel, der 2013 im Alter von 95 Jahren starb, hätte seine helle Freude an den italienischen Sardinen gehabt. Diese Bewegung zeigt, dass die Zivilgesellschaft funktioniert, dass die Menschen sich nicht in eine Mir-ist-doch-alles-egal-Haltung flüchten. Und das gerade junge Menschen eben nicht samt und sonders in virtuellen Parallelwelten leben, sondern kreativ sind, sich einmischen, engagieren – ergo: politisch sind.

Schon wird darüber debattiert, ob aus dieser spontanen Bewegung vielleicht mal eine Partei wird. Die Sardinen wehren sich hartnäckig gegen eine Vereinnahmung – und tun gut daran. Die Gesellschaft aufzurütteln, darin sehen sie ihre Aufgabe. Dieser Antipopulismus hat Zukunft.

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