New York leidet unter Corona-Pandemie

Die Stadt, die niemals schläft, ruht

New York fleht um Hilfe. Die mit fast neun Millionen Menschen am dichtesten besiedelte Metropole der USA droht von der Corona-Pandemie überwältigt zu werden.
27.03.2020, 14:30
Lesedauer: 6 Min
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Die Stadt, die niemals schläft, ruht
Von Thomas Spang
Die Stadt, die niemals schläft, ruht

Fahrradfahrer und ein Fußgänger passieren eine normalerweise stärker frequentierte Straße während der Coronavirus-Pandemie.

MARK LENNIHAN

Die Stadt, die niemals schläft, ruht. Gespenstische Stille ersetzt das Hupen und die Sirenen in den Straßenschluchten von Manhattan. Touristen drängen nicht mehr über die Brooklyn Bridge. Einkäufer halten sich von den Kaufhäusern und Luxusboutiquen an der Fifth Avenue fern. In den Kneipen und Restaurants des Meatpacking Districts stehen die Stühle auf den Tischen.

Es gibt keine Schlangen vor dem neu gestalteten Moma-Museum, dass wie alle anderen Kultureinrichtungen geschlossen hat, auch am Broadway bleiben die Lichter aus. Der Times Square ist wie leergefegt. Unter die Leuchtreklamen mischen sich die Botschaften der Gesundheitsbehörden, die darauf drängen, Abstand zu halten.

Kaum ein Gang ohne Restrisiko

Doch soziale Distanz zu halten, ist schwer in einer Stadt, in der auf einem Quadratkilometer mehr als 10.000 Menschen leben. Die New Yorker leben so eng zusammen, dass selbst der Gang über die Straße oder in den Supermarkt nicht ohne Restrisiko bleibt.

Seit Bürgermeister Bill de Blasio am Sonntag eine Ausgangssperre in Kraft setzte, leben die New Yorker in einer Art Schockstarre. Nur noch wer in unersetzlichen Bereichen arbeitet, darf auf die Straße gehen. Dazu gehören neben medizinischem Personal, Verkäufer in Lebensmittelgeschäften, Polizei und Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe.

Angesichts rasant steigender Infektionsraten, flieht, wer kann. Doch die meisten können nicht, haben keinen anderen Ort als ihre Apartments, an den sie sich zurückziehen können. Es sind vor allem die Reichen, die zum Unbehagen der Einheimischen in ihre Ferienvillen in den Hamptons, von Cape Cod oder Florida flüchten.

Bürgermeister spricht von „astronomischen Zahlen“

Mitte der Woche kletterte die Zahl der Covid-19 positiv getesteten auf über 17.000. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, spricht von “astronomischen Zahlen”. Schon jetzt wird jeder dritte Corona-Fall in den USA in New York City diagnostiziert. Die Zahlen verdoppeln sich in immer kürzeren Abständen.

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Bürgermeister de Blasio weiß von den Epidemiologen, dass die Fälle schon sehr bald explodieren werden. “New York ist das Epizentrum dieser Krise”, sagt der Bürgermeister, der vor zwei Wochen noch für Empörung sorgte, weil er unbekümmert in seiner Nachbarschaft Sport trieb.

Jetzt entlässt er vorsorglich Kleinkriminelle aus den überfüllten Gefängnissen, um Personal und Mitgefangene zu schützen. Und bittet um die Solidarität Amerikas. “Kein Ort leidet mehr Schmerzen. Kein Ort braucht dringender Hilfe.”

Trump ignoriert Appell bisher

US-Präsident Donald Trump hat den Appell seiner Heimatstadt, die ihm zu Geld, Bekanntheit und Macht verholfen hat, bisher weitgehend ignoriert. Die Bundesregierung verlangt nun von jedem New Yorker, der die Metropole verlässt, sich für vierzehn Tage in Quarantäne zurückzuziehen. Und er mobilisierte die Nationalgarde für den Fall, dass es zu Unruhen kommt.

Coronavirus - USA

Andrew Cuomo (l), Gouverneur von New York, und Bill de Blasio, Bürgermeister von New York City, sprechen über die Vorbereitungen des Bundesstaates und der Stadt auf die Ausbreitung des Coronavirus.

Foto: MARK LENNIHAN

Dringend benötigte Schutzmasken und Beatmungsgeräte liefert er nicht. Darum müsse sich der Gouverneur selber kümmern. Cuomo tut sein Bestes; De Blasio mit Verspätung auch. Über alle möglichen Kanäle versuchen sie im Wettbewerb mit anderen Bundesstaaten Masken zu kaufen.

Weil es keine Koordinierung aus Washington gibt, führt das in der Krise zu unnötigen Kosten. „Wir haben einen Vertrag über den Kauf von Masken gemacht”, berichtet Cuomo auf einer Pressekonferenz von seiner Erfahrung aus der Praxis. “20 Minuten später erhöht das Unternehmen den Preis, weil es ein besseres Gebot bekommen hat.“

Krankenhausbetten fehlen

Noch dringender werden Krankenhausbetten benötigt. Gebraucht werden bis zu 140.000 Krankenhausbetten, verfügbar sind 53.000. Im Eiltempo wandelt die Stadt Manhattans gläsernes Kongresszentrum zu einem Notkrankenlager mit 1000 Betten um. Ein weiteres Veranstaltungszentrum am Stadtrand und zwei Universitäten fungieren nun ebenfalls als Feldlazarette der Coronakrise. Die U.S. Navy schickt das Krankenhausschiff USS Comfort mit tausend Betten.

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All das ist nicht genug. Angesichts der steigenden Zahlen stehen auch viel zu wenig Beatmungsgeräte zur Verfügung. Cuomo hat den Bedarf auf 30.000 hochgerechnet. Vorhanden sind nicht mehr als ein Drittel. Die Katastrophenschutzbehörde Fema liefert 400 zusätzliche Ventilatoren. Gouverneur Cuomo bringt die Lage drastisch auf den Punkt: “Diese Maschinen machen am Ende den Unterschied, ob Patienten sterben oder überleben."

Wie die Dinge stehen, werden viel mehr Menschen sterben müssen, als bei besserer Vorbereitung der US-Regierung auf eine Pandemie leben könnten. Mitte der Woche gab es in New York bereits über 300 Tote. Das Elmhurst Hospital Center in Queens, dem Stadtteil aus dem Trump stammt, meldete am Mittwoch 13 Coronatote in 24 Stunden. „Es ist apokalyptisch, was sich hier abspielt“, sagt die Ärztin Ashley Bray einem amerikanischen Reporter vor Ort.

Gespenstische Stille

Während sich über der Stadt gespenstische Stille ausbreitet, tobt in den Krankenhäusern New Yorks ein Abwehrkampf gegen das Virus. Überarbeitete Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger versuchen ihr Bestes, Leben zu retten. Und riskieren dafür ihre eigene Gesundheit.

Coronavirus - USA

Der Broadway ist nahezu menschenleer. Die Vereinigten Staaten haben nach Angaben von US-Experten inzwischen mehr bekannte Coronavirus-Infektionen als jedes andere Land.

Foto: MICHAEL NAGLE

Zum Beispiel der 31-jährige Yijiao Fan, den seine Kollegen im Brooklyn Hospital Center auf der Intensivstation behandelten. Nachdem er Symptome bemerkte, blieb der junge Arzt ein paar Tage zu Hause in Selbstquarantäne. Dann hustete er Blut und schleppte sich in sein Krankenhaus. “Bleibt zu Hause”, appellierte er kurzatmig an die Unbekümmerten, die das Virus lange nicht Ernst genommen haben.

Die Ärztin Sylvie de Souza sagt einer Reporterin der “New York Times”, sie fürchte sich vor einer Situation, in der sie wählen müsse, welche Patienten eine Chance erhalten, an der Beatmungsmaschine zu überleben. Bereits kommende Woche werde es nicht mehr genügend Platz geben, in dem Brooklyn Hospital Center alle schwerkranken Patienten zu versorgen. “Wir arbeiten im Desaster-Modus”.

Dazu gehört auch, dass die Reserven an Masken, Handschuhe und anderem Schutzmaterial sich dem Ende entgegenneigen. Die Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt medizinischem Personal Halstücher umzubinden, falls es keine Alternativen mehr gebe. Die Schwestern des Mount Sinai West Hospitals schneiderten sich bereits aus schwarzen Mülltüten behelfsweise Schutzkittel.

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Medizinisches Personal improvisiert

Die Belegschaft der Notaufnahme des ältesten New Yorker Krankenhauses, dem Bellevue improvisiert auch schon. Via der Spendenwebsite “GoFundMe” riefen Ärzte und Schwester auf, Gelder für ihre Ausrüstung zu spenden. Nicht einmal für die erwarteten Toten gibt es genügend Platz. Aus zusammengestellten Kühllastern errichtete das Bellevue eine behelfsmäßige Leichenhalle.

„New York ist der Kanarienvogel in der Kohlengrube”, warnt Cuomo vor den Konsequenzen für den Rest des Landes. “Was in New York passiert, wird auch in Kalifornien, Washington State oder Illinois passieren. Das ist nur eine Frage der Zeit. Aber wir sind die ersten.”

Bürgermeister de Blasio und Gouverneur erwarten, dass der Höhepunkt der Pandemie in New York noch 21 Tage entfernt liegt. „Was auf uns zu rast, ist nicht ein Güterzug, sondern ein Hochgeschwindigkeitsexpress“, beschreibt Gouverneur Cuomo die Herausforderung für das Gesundheitssystem. Und fordert eindringlich die jungen New Yorker auf, sich an die Ausgangssperre zu halten. „Ihr seid keine Supermänner und Superfrauen.“

Trump spekuliert über Lockerung der Ausgangssperre

Der Appell richtete sich indirekt auch an einen Sohn der Stadt, der nun im Weißen Haus sitzt. US-Präsident Trump spekulierte am Dienstag darüber, in weniger als drei Wochen die Ausgangssperren zu lockern und die Geschäfte wieder zu öffnen. „Zu Ostern möchte ich quer durch das Land voll gepackte Kirchen sehen.“

In New York wird das nicht passieren, versichert Cuomo. „Wir sind nicht bereit, diesem Virus ein bis zwei Prozent der New Yorker zu opfern”, sagt der Gouverneur. “Meine Mutter – unsere Mütter – sind nicht entbehrlich.” Das öffentliche Leben werde weiter ruhen, während der Krieg gegen den Covid-19-Erreger dann seinen Höhepunkt erreicht.

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