Die Ultima Ratio

Vor 70 Jahren scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler. Was die Verschwörer des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg damals unternahmen, wirkt bis in die Gegenwart. Viele Fragen von damals sind auch heute aktuell.
20.07.2014, 00:00
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Die Ultima Ratio
Von Ben Zimmermann

Vor 70 Jahren scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler. Was die Verschwörer des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg damals unternahmen, wirkt bis in die Gegenwart. Viele Fragen von damals sind auch heute aktuell.

Das Jahr 2014 ist reich an historischen Daten, für die es einen runden Jahrestag gibt: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges liegt 100 Jahre zurück, der des Zweiten Weltkrieges 75 Jahre, und ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die innerdeutsche Grenze fiel. Größte Tragik und grenzenloser Jubel – die Spannbreite dessen, was sich mit diesen Jahrestagen verbindet, könnte größer nicht sein. Und dann gibt es da noch ein Datum, es liegt genau 70 Jahre zurück: das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 und die „Operation Wal-

küre“.

Die Männer eben jenes Tages, die Verschwörer um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, werden heute in Deutschland verehrt; auch in diesem Jahr wird es eine Feierstunde im Berliner Bendlerblock, dem Hinrichtungsort Stauffenbergs, geben. Er und seine Mitstreiter stehen symbolhaft für den Widerstand, auch wenn sie heutigen Kriterien an echte Demokraten wohl nicht genügen würden – und leider allzu oft vergessen wird, dass auch andere gegen das NS-System kämpften: Viele Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen riskierten und verloren dabei ihr Leben – so wie die Offiziere am 20. Juli. Aus heutiger Sicht scheint es unglaublich und beschämend. Doch dieser Blick auf die Geschichte war nicht immer so: Noch bis weit in die 1960er-Jahre hinein wurden die Attentäter als „Vaterlandsverräter“ diffamiert.

Die Bewertung des 20. Juli hat sich also verändert. Was damals geschah, wirft Fragen auf, die in die Gegenwart wirken und auch heute noch aktuell sind: Ist der Tyrannenmord legitim – kann es unter bestimmten Umständen richtig sein, einen Menschen umzubringen, um ein sehr viel größeres Unheil abzuwenden? Was bedeutet dies heute – ist eine ähnliche Situation denkbar? Wie steht es um die Zivilcourage – welchen Preis ist jeder einzelne bereit zu zahlen, wenn es drauf ankommt?

Die erste Frage ist für den Fall Hitler wohl eindeutig beantwortet: Ja, natürlich war das Attentat auf den Diktator richtig. Denn Mord ist nicht gleich Mord, Verrat ist nicht gleich Verrat. Ganz im Gegenteil: Dass sich Generäle und Offiziere mit Verweis auf ihren Eid auf den „Führer“ im Vorfeld von dem Vorhaben distanzierten, war und ist beschämend und falsch. Man mag sich kaum ausmalen, wie die Geschichte hätte verlaufen können, wenn sich noch weitere Wehrmachtsangehörige an dem Attentat beteiligt hätten, und es geglückt wäre. Der Tod des Despoten hätte vielen Millionen Menschen unter Umständen das Leben retten können.

Doch was bedeutet das für heute? Im Umgang mit historischen Vergleichen ist Vorsicht angeraten – gerade auch, wenn es um die NS-Zeit geht. Das Attentat auf Hitler kann keine Blaupause für die Gegenwart sein (auch wenn sich selbst aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik das Recht auf den Tyrannenmord herauslesen lässt). Nicht jeder Autokrat, der es mit Demokratie und Menschenrechten nicht so genau nimmt, kann einfach gemeuchelt werden – so sehr dieser Wunsch aus Sicht der Opfer auch verständlich sein mag. Es ist und bleibt die Ultima Ratio.

Ganz abgesehen vom ethischen Dilemma stellen sich auch praktische Fragen: Wie soll es anschließend weitergehen? Gibt es einen Plan B? Der Gedanke, dass mit dem Abtritt eines Diktators – ob nun durch Tod oder anders – gleich Frieden und Demokratie Einzug halten, hat sich in den vergangenen Jahren gerade im Nahen und Mittleren Osten als fataler Irrtum erwiesen.

Die dortige Gewalt, die derzeit herrscht, ist für die meisten Europäer weit weg. Die Frage beispielsweise, ob es richtig und gerecht war, Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi umzubringen, ist hierzulande eine eher abstrakte Angelegenheit – glücklicherweise. Auch das Wissen um die Geschehnisse vom

20. Juli 1944 nimmt ab. Nicht einmal die Hälfte der Bundesbürger (45 Prozent) weiß, was damals passierte; unter den Jüngeren sind es noch viel weniger.

Ob auch heute noch Menschen bereit wären, ihr Leben zu riskieren, um die Barbarei zu beenden? Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird zumindest große Zweifel haben. Eine wirkliche Antwort auf diese Frage ist kaum möglich, es wäre Spekulation. Und zum Glück stellt sie sich aktuell auch nicht. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch in Deutschland Bürger einiges aufs Spiel setzten, um sich gegen Unrecht zu wehren. Natürlich, ein Vergleich mit dem 20. Juli 1944 wäre aus vielen Gründen historisch völlig abwegig, doch es geht um eine Haltung, um Zivilcourage. Den „aufrechten Gang“ erlernen, hieß es damals in der DDR. Als „friedliche Revolution“ ging der Herbst 1989 in die Geschichtsbücher ein. 25 Jahre ist dies inzwischen her. Ein Jubiläum, an das die Deutschen heute mit Freude und Stolz denken können. Sie hatten eine Diktatur gestürzt – ganz ohne Blutvergießen.

Ben Zimmermann

über den 20. Juli 1944 und seine Folgen für die Gegenwart

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