Kommentar über Nordkoreas Wasserstoff-Bombe

Die Welt muss sich mit Kims Bombe abfinden

Washington muss sich endlich durchringen, mit dem Regime in Nordkorea über Lebensmittelhilfe zu reden. Genau das will Kim Jong-un für sein Land, meint Asien-Korrespondent Felix Lee.
05.09.2017, 16:36
Lesedauer: 3 Min
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Die Welt muss sich mit Kims Bombe abfinden
Von Felix Lee
Die Welt muss sich mit Kims Bombe abfinden

Jeglicher militärische Angriff auf Nordkorea hätte verheerende Folgen.

dpa

Er lässt sich nicht beirren. Am Wochenende hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zum sechsten Mal eine Nuklearbombe getestet. Sie unterschied sich von vorigen Tests nicht nur in ihrer Wucht. Die Bombe am Sonntag war mehr als zehn mal so stark wie jene vor einem Jahr – und damit der mit Abstand heftigste nordkoreanische Nukleartest.

Nun wird bekannt, dass er bereits in der nächsten Woche eine weitere Langstreckenrakete testen könnte. Der südkoreanische Geheimdienst hat Erkenntnisse, dass entsprechende Vorbereitungen laufen. Kim hat in diesen Tagen endgültig bewiesen, dass er sich weder einschüchtern noch sich von irgendjemandem sonst hineinreden lässt. Warum sollte er auch – kurz vor dem Ziel der atomaren Bewaffnung?

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Die Wahrheit ist: Viele Möglichkeiten zur Eindämmung der Nordkorea-Krise hat die Weltgemeinschaft gar nicht mehr. So manch einer dürfte sich schon gefragt haben: Wieso nicht in einer Blitzaktion in Nordkorea einmarschieren, Diktator Kim in der Hauptstadt aufspüren und den Atomkonflikt damit schlagartig beenden?

Ein Gedanke, den auch US-Präsident Donald Trump sicherlich schon gehabt hat. Doch die CIA dürfte ihn eines Besseren belehrt haben. Kim und seine Schergen haben im Laufe der Jahre ein so ausgeklügeltes System entwickelt, dass eine Festnahme oder Tötung nicht möglich ist, ohne dass das Regime zum Gegenschlag ausholen würde.

Nicht kalkulierbare Konsequenzen

Tatsächlich hätte jeglicher militärische Angriff auf Nordkorea verheerende Folgen. Südkoreas Hauptstadt Seoul mit ihren über 20 Millionen Einwohnern ist inzwischen ein globalwirtschaftliches Kraftzentrum. Auch ohne den Einsatz von Nuklearwaffen könnte Nordkorea die Region binnen weniger Minuten in Schutt und Asche legen.

Tokio liegt für Pjöngjang ebenfalls in Reichweite. Ein nordkoreanischer Angriff auf Japan hätte Konsequenzen, die für die Welt nicht mehr kalkulierbar sind. Doch auch auf China ist nicht mehr zu setzen. Es hat lange gedauert, bis sich die Führung in Peking überhaupt dazu durchringen konnte, sich gegen den einstigen Bruderstaat und dessen Atomwaffenprogramm zu stellen.

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Inzwischen ist Peking zwar endlich aufgewacht. Doch abgesehen von Mahnungen an alle Beteiligten, doch Ruhe zu bewahren, kommen von Peking keine konstruktiven Vorschläge. Das zeigt sich auch beim derzeitigen Gipfel der Brics-Staaten, den fünf vermeintlich führenden Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, der derzeit in der südchinesischen Küstenstadt Xiamen stattfindet.

Die chinesischen Gastgeber sind nicht einmal bereit, die Themen zu ändern, um auf die aktuellen Vorkommnisse in Nordkorea einzugehen. Geradezu stoisch beharrt China auf die Tagesordnung, die bereits vor Monaten festgelegt wurde. China wollte mit dem Gipfel demonstrieren: Mit Brics gibt es einen neuen globalen Player. Weit gefehlt: Der Block der Schwellenländer zeigt sich einmal mehr als willenlos, ihr Gipfel entlarvt sich als eine reine Redeveranstaltung.

Verhandlungen auf Augenhöhe

Bleiben Sanktionen. Das Atomprogramm werden sie kaum verhindern können. Denn das technische Wissen haben die nordkoreanischen Ingenieure längst verinnerlicht. Wohl aber könnte ein Öl-Embargo Nordkoreas Lebensader kappen. Ausgerechnet in Japan, dem Land, das Pjöngjang nach Südkorea als zweites Land auf der Abschussliste stehen hat, mehren sich die Stimmen, die vor einem solchen Schritt warnen.

Denn das würde das Regime nur dazu verleiten, noch aggressiver aufzutreten. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Im Zweiten Weltkrieg führten schärfere Sanktionen dazu, dass sich die Japaner noch stärker hinter ihr mörderisches Kriegsregime stellten.

Als einzige Option in der derzeitigen Krise bleiben Verhandlungen – und zwar auf Augenhöhe. Washington muss sich endlich durchringen, hochrangige Diplomaten nach Pjöngjang zu schicken und mit dem Regime konkret über Lebensmittelhilfe zu reden.

Atommacht auf Dauer

Trotz seiner Brutalität ist es genau das, was Kim für sein Land letztlich will. Das könnte seine Aggressionen mildern und damit den Konflikt. Nur ein Dialog mit Kim kann den Frieden sichern. Eines steht allerdings auch bei dieser Option fest: Auf eine Denuklearisierung wird sich Pjöngjang auf keinen Fall mehr einlassen.

Einmal erworben lässt sich kein Regime eine so mächtige Waffe wie die Atombombe nehmen. So bitter das klingt: Ein weltweit völlig isoliertes Land von der Wirtschaftsstärke einer deutschen Kleinstadt – und doch bleibt der Welt nichts anderes übrig, als Nordkorea als Atommacht zu akzeptieren. Und zwar auf Dauer.

politik@weser-kurier.de

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