Kryptowährungen

Auf dem Weg zum Digi-Euro

Neben dem normalen Euro könnte es bald eine digitale Variante geben. Anfangs ändert sich für den Bürger nichts - perspektivisch aber schon. Und die Politik macht Druck.
13.07.2021, 20:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Hannes Koch

Neben dem normalen Euro könnte es bald eine digitale Variante geben – die EU will an diesem Mittwoch über die Pilotphase für die Entwicklung der eigenen Digitalwährung entscheiden. Von „revolutionären“ Veränderungen im Geldwesen spricht deshalb der Analyst Guido Zimmermann von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) bei der Vorstellung einer Studie zum digitalen Euro.

Was passiert gerade?

An diesem Mittwoch will die Europäische Zentralbank (EZB) erklären, dass sie „den Startschuss für eine digitale Erweiterung ihrer Gemeinschaftswährung gibt“. Damit begänne die mehrjährige sogenannte Design-Phase, in der sich die EZB überlegt, wie der digitale Euro grundsätzlich funktionieren soll. Später folgten eine Test-Phase und die Einführung.

Was ist der digitale Euro?

Der digitale Euro soll eine digitale Ergänzung der heutigen Währung Euro sein, herausgegeben von der staatlichen EZB. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen ihn benutzen können. Er soll vergleichbar wertstabil und sicher sein wie Banknoten und Münzen. Der digitale Euro kommt direkt von der Zentralbank, er ist nicht das Produkt von Geldschöpfung privater Banken wie etwa ein Kredit. Die EZB garantiert den digitalen Euro. Entsprechende Guthaben sind nicht betroffen, wenn Privatbanken pleitegehen.

Warum macht die EZB das?

Nachdem 2008 die private Internet-Währung Bitcoin gestartet war, gab es viele Nachahmer. Mittlerweile arbeitet auch der US-Konzern Facebook an privatem Geld, das er Diem (früher: Libra) nennt. Die chinesische Regierung lässt eine digitale Version des Yuan entwickeln. Die Bahamas haben ihren digitalen Sand Dollar bereits in Umlauf gebracht. Zahlreiche weitere Zentralbanken weltweit verfolgen ähnliche Projekte. Damit Europa später nicht auf ausländische Internet-Währungen angewiesen ist, muss die EZB eine eigene Version vorbereiten. Es geht um ökonomische und politische Selbstbestimmung. Spätestens die Facebook-Pläne hatten eine Debatte um die Frage ausgelöst, ob Zentralbanken wie die EZB mit einer eigenen Digitalwährung eine Antwort geben sollten.

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Was ändert sich für Verbraucher?

Die EZB könnte den Digi-Euro zur Verfügung stellen, indem alle Kunden neben ihrem normalen Konto bei einer Geschäftsbank ein zusätzliches Digital-Euro-Konto bekommen. Auf dieses könnte sich dann eine begrenzte Summe vom Girokonto überweisen und so in digitale Euro umwandeln lassen. Die Rede ist von maximal 3000 Euro. Diese dienen zum Bezahlen im Internet, das schneller als heute, idealtypisch in Echtzeit passiert.

Für Überweisungen zwischen Digitalkonten bräuchte man eigentlich auch keine Dienstleister mehr wie heute etwa Paypal oder Kreditkartenfirmen. Die entsprechenden Gebühren könnten wegfallen. Anfangs allerdings dürfte es zwischen Bezahlen mit Digital-Euro und heutigem elektronischen Zahlungsverkehr kaum spürbare Unterschiede geben, da es für Privatkunden meist egal ist, ob die Zahlung nach Sekunden oder schon Sekundenbruchteilen beim Empfänger ankommt. Eine alternative Bereitstellungsform neben einem Konto wäre eine digitale Brieftasche auf dem Smartphone.

Was ändert sich für Unternehmen?

Die Landesbank geht davon aus, dass die EZB einen wichtigen Wunsch der Wirtschaft erst mal nicht erfüllt. Der digitale Euro wird wohl nicht programmierbar sein. Unternehmen hätten das gerne, weil Geld dann nicht nur zum schnellen Bezahlen diente, sondern auch weitere Informationen transportieren könnte, etwa Zweck, Zeitpunkt und Bedingungen von Transfers.

Ein konkretes Beispiel: Laut dem „Focus“ schätzt IBM, dass beim Transport von Obst etwa 200 Papiere ausgefüllt und weitergereicht werden (Lade- und Lieferscheine, Zollunterlagen, Rechnungen). Das alles ließe sich vermeiden, wenn die dahinter laufenden IT-Systeme alle die digitale Währung verstehen und akzeptieren. Hinter der Währung also würde gleichzeitig die gesamte Historie der Lieferkette aufgezeichnet werden.

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Die Möglichkeit, solche sogenannten „smart contracts“ (intelligenten Verträge) in den digitalen Euro einzubauen, erscheint der EZB aber anscheinend zu kompliziert. LBBW-Experte Zimmermann rechnet deshalb damit, dass Banken und Technologiekonzerne in den kommenden Jahren weitere, eigene Digital-Zahlungsmittel einführen werden, die den Wünschen der Unternehmen entgegenkommen. Diese könnten sich auch zu einer Konkurrenz für das digitale Zentralbankgeld entwickeln.

Was sagt die Politik?

„Die Digitalisierung wird vor unserer Währung nicht haltmachen“, sagte der CDU-Digitalpolitiker Tankred Schipanski dem „Handelsblatt“. Deshalb sei es wichtig, dass die EZB beim digitalen Euro jetzt „mit großen Schritten“ vorangehe. Die Unions-Bundestagsfraktion forderte jüngst in einem Positionspapier die rasche Einführung eines digitalen Euros. Die EZB-Pläne dürften nicht durch „langwierige Prozesse und Verfahren“ verzögert werden, zitierte das „Handelsblatt“ aus dem Papier. Die Abgeordneten befürchteten, Europa könne „im schlimmsten Fall abhängig von Zahlungsmitteln und Zahlungssystemen werden, die außerhalb der Euro-Zone ausgegeben oder kontrolliert werden“.

Wird das Bargeld abgeschafft?

Die EZB will Banknoten und Münzen nicht abschaffen, wie sie erklärt. Die Entwicklung hängt allerdings auch davon ab, wie viele Bürger das traditionelle Bargeld weiter nutzen wollen. Eine Rolle dürfte spielen, dass digitales Bargeld weniger anonym ist als Bargeld, das man anfassen kann.

Bezahlen im Netz hinterlässt mehr Spuren als die Übergabe eines Geldscheins. Damit steht auch die Frage des Datenschutzes im Raum. Die Informationen darüber, wer wann was mit digitaler Währung bezahlt, dürften bei der EZB besser aufgehoben sein als bei irgendwelchen privaten Geld-Erfindern oder der chinesischen Zentralbank.

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Die Voraussetzung für diese Aussage ist allerdings, dass man Vertrauen in den demokratischen Staat hat. Wer das abwegig findet, mag sich wohler fühlen mit Zahlungen in Bitcoin oder anderen privaten Kryptowährungen, die ihre Daten der Obrigkeit gerade vorenthalten wollen.

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