D-Day-Feiern in der Normandie im Schatten der Ukraine-Krise Diplomatischer Drahtseilakt

Paris. Seit der Befreiung Frankreichs und Westeuropas durch die westlichen Alliierten 1944 ist es ein festes Ritual: Alle zehn Jahre lädt der französische Staatspräsident die Repräsentanten der damaligen Siegerstaaten am 6. Juni in die Normandie.
06.06.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sylvie Stephan

Seit der Befreiung Frankreichs und Westeuropas durch die westlichen Alliierten 1944 ist es ein festes Ritual: Alle zehn Jahre lädt der französische Staatspräsident die Repräsentanten der damaligen Siegerstaaten am 6. Juni in die Normandie. Seit 2004 ist auch die zuvor keineswegs selbstverständliche deutsche Teilnahme an den Feierlichkeiten Routine geworden. Die bisherigen D-Day-Geburtstage am Rande der damaligen Landungsstrände gerieten denn auch stets zu gelungenen Zeremonien im Zeichen der europäischen Aussöhnung.

Diesmal aber ist alles anders. Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise ist der internationale Kontext extrem gespannt. Zum ersten Mal seit der umstrittenen Annexion der Krim kommt Russlands Präsident Wladimir Putin nach Europa und trifft als Gast der D-Day-Feiern mit den anderen westlichen Spitzenpolitikern zusammen: Rund 20 Staats- und Regierungschefs hat Frankreichs Gastgeber François Hollande in die Gegend um Caen geladen, darunter seinen US-Amtskollegen Barack Obama, Queen Elizabeth II., Bundeskanzlerin Angela Merkel und – gleichsam als Überraschungsgast – den frisch gewählten ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko.

Für Hollande als Zeremonienmeister dürfte es ein diplomatischer Drahtseilakt werden. Will er sich nicht nur darauf beschränken, die Teller zwischen seinen Gästen zu verteilen, muss er eine proaktive Rolle spielen. Keine leichte Aufgabe, denn vor allem das Verhältnis zwischen Obama und Putin ist wegen der Ukraine frostig, wie nie zuvor. War der russische Präsident auf dem eben erst zu Ende gegangenen G 7-Gipfel in Brüssel noch ausgeschlossen, sitzt er beim heutigen festlichen Mittagessen für die Ehrengäste im Schloss von Bénouville mit am Tisch und nimmt am Nachmittag auch an der internationalen Zeremonie am Strand von Ouistreham teil, besser bekannt unter Sword Beach – dort, wo am 6. Juni 1944 die einzige am D-Day beteiligte französische Einheit landete.

Jede Geste Putins dürfte dabei mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden, vor allem der Umgang mit seinem US-Kollegen und dem Ukrainer. Zwar ist ein direktes Treffen zwischen Obama und Putin nicht geplant, in einem Interview mit französischen Medien zeigte sich Putin aber gegenüber den USA immerhin „gesprächsbereit“. Vor diesem Hintergrund hoffen viele nun auf ein Zeichen der Entspannung – auch Hollande. Es gehe darum, vor dem Hintergrund „außerordentlicher Brisanz“ den „Dialog zu erleichtern“, erklärte der Franzose im Vorfeld.

Gespräche wird es am Rande der Veranstaltung jedenfalls jede Menge geben – so ist noch vor den offiziellen Feiern bereits ein Treffen zwischen Putin und Bundeskanzlerin Merkel vorgesehen. Die beiden kommen im Strandbad von Deauville, rund 50 Kilometer nordöstlich von Caen, zusammen. Dabei will Merkel den Angaben zufolge eine klare Botschaft überbringen: „Es geht darum, deutlich zu machen, dass wir Lösungen über Gespräche wollen“, sagte die Kanzlerin. Russland müsse jetzt seinen „Beitrag leisten, um die Situation zu stabilisieren und zu deeskalieren.“ Sollte die Initiative scheitern, die Ukraine-Krise zu entschärfen, haben die G 7-Staaten Russland bereits schärfere Wirtschaftssanktionen angedroht. Einen Automatismus für Sanktionen gebe es aber nicht, sagte Merkel.

Den Anfang im diplomatischen Krisen-Ballett machte am Donnerstagabend bereits Gastgeber Hollande. Er empfing zunächst Königin Elizabeth II. und ihren Mann Prinz Philip zum feierlichen Staatsbesuch in Paris, bevor er anschließend mit Obama und Putin zusammenkam – getrennt, versteht sich, nicht gemeinsam. Um die Kontrahenten angesichts der aktuellen Spannungen auseinander zu halten und jeglichen diplomatischen Zwischenfall zu vermeiden, behalf sich der französische Präsident einer findigen Lösung und setzte gleich zwei Abendessen an: Eines mit Obama in einem Pariser Restaurant, ein anderes – zwei Stunden später – mit Putin im Elysée-Palast. Thema sollte dabei jedes Mal die „Ukraine-Krise“ sein.

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