Gastkommentar über Mobilität in Städten Drei Arbeitswochen pro Jahr im Stau vertrödelt

Eine Verkehrspolitik, die das Stauproblem auch noch künstlich verschärft, ist das Gegenteil von klimafreundlich, meint unser Gastautor Michael Haberland.
17.06.2019, 15:15
Lesedauer: 2 Min
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Von Michael Haberland

Theorie trifft Praxis: Deutschland ist im Klimafieber, und trotzdem kaufen die Menschen mehr Autos und sind mehr unterwegs. Die Folge: Deutschlands Städte verstauen zunehmend. Doch anstatt sinnvolle Lösungen anzubieten, wird Mobilität behindert oder gleich zerstört. Besonders spürbar ist dieses Phänomen in den Ballungszentren der Republik. Für einen Pendler können das schnell einmal 120 Staustunden im Jahr sein. Das sind drei Wochen Arbeitszeit. Und die Politik kommt leider mit vielen falschen Rezepten, anstatt bezahlbare, praktikable und nachhaltige Lösungen anzubieten. Für Autofahrer, Anwohner und Umwelt zugleich. Denn Verkehrsfluss trägt gleichzeitig auch zum Klimaschutz bei!

Der vor kurzem erschienene TomTom Traffic Index zeigt: Der Trend der letzten Jahre setzt sich fort. Deutschland verstaut zunehmend. Hamburg, Berlin, Stuttgart und München verlangsamen jedes Jahr. Aber was kann man tun? Autos zu verbieten ist sicher keine Lösung und widerspricht auch eklatant dem Kauf-, Nutzungs- und Mobilitätsverhalten der Menschen. Es gibt nicht die eine Lösung, sondern es muss ein Mix aus verschiedenen Verkehrsträgern sein, der zu weniger Stau, besserer Luft und mehr Lebensqualität führt.

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Die Infrastruktur muss entsprechend erweitert werden: Ringstraßen und innerstädtische Tunnel können den Verkehr entlasten. Ebenso muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden. Er muss attraktiv genug sein, dass die Menschen ihn gern dem Auto vorziehen. Zu guter Letzt müsste man auch über flexiblere Arbeitszeiten nachdenken. Holland macht es vor: Dort wurde ein Anspruch auf einen Tag Home-Office pro Woche eingeführt. Eine kostenlose und einfach umsetzbare Maßnahme, die zu einer spürbaren Verkehrsminderung führte.

Für Mobilität und funktionierende Infrastruktur muss eben auch etwas getan werden. Motoren werden zwar sauberer und Elektromobilität nimmt zu – aber all das nutzt nichts, wenn die Infrastruktur schlechter und sogar weniger für das Verkehrsmittel Nr. 1, das Auto, wird. Die ausschließliche Förderung des Radverkehrs in Städten wie München ist keine Lösung, sondern ein ernstes Problem, wenn man nur noch auf ein saisonales Verkehrsmittel mit drei Prozent Verkehrsanteil setzt, und sowohl beim Auto als auch beim ÖPNV weit hinterherhinkt. Die Menschen wollen unabhängig, frei, flexibel und schnell unterwegs sein und dazu gehört eben auch das Auto. Und das geht eben auch klimafreundlich: Für Verkehrsfluss zu sorgen, wäre ein Anfang.

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Zur Person

Unser Gastautor Michael Haberland ist Präsident des Automobilclubs „Mobil in Deutschland e.V.“, den er vor 25 Jahren mit 17 Gleichgesinnten in München gründete. Heute hat der Verein fast 10 000 Mitglieder.

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