Bremen Ein Akt des Terrors

Kurz vor zwei Uhr bestellt Christopher Hansen an der Bar einen letzten Drink. Aus Lautsprechern des „Pulse“ wummern heiße Latino-Rhythmen, mit denen der DJ den Gästen der „Latin Flavor“-Party auf der Tanzfläche noch einmal richtig einheizt.
13.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Thomas Spang, Orlando

Kurz vor zwei Uhr bestellt Christopher Hansen an der Bar einen letzten Drink. Aus Lautsprechern des „Pulse“ wummern heiße Latino-Rhythmen, mit denen der DJ den Gästen der „Latin Flavor“-Party auf der Tanzfläche noch einmal richtig einheizt. Die Stimmung in Orlandos „heißestem Schwulen-Club“ ist ausgelassen. Dann fallen Schüs­se. „Einer nach dem anderen“, erzählt Hansen, der sieht, wie Menschen umfallen. Er selber wirft sich auf den Boden, sucht Deckung. „Es war schrecklich.“ Hansen versucht, einem Mann zu helfen, den eine Kugel in den Rücken getroffen hat. Eine Frau daneben hält ihren Arm. Und immer wieder Schüsse. „Das ging durch das ganze Lied.“

Und der Massenmord ist nur der Anfang zu einer Nacht des Terrors. Als ein Polizist das Feuer des Attentäters erwidert, nimmt dieser Geiseln. Bei den Verhandlungen mit den Spezialeinsatzkräften gibt sich der Mann als Omar Saddiqui Mateen (29) zu erkennen. Neben einem AR-15-Sturmgewehr und einer Glock-Handfeuerwaffe trägt er etwas um seinen Körper, das die Sicherheitskräfte zunächst für eine Sprengstoffweste halten.

Gegen fünf Uhr morgens trifft die Einsatzleitung die Entscheidung, den Club mit einem SWAT-Team zu stürmen. Sie retten 30 Menschen und töten bei einem Feuergefecht den Geiselnehmer. Selbst die hartgesottenen Spezialkräfte ringen anschließend mit dem Horror, den sie vor Ort erleben. Überall liegen Tote, Verletzte stöhnen – ein Bild des Grauens. „Das hinterlässt Spuren“, sagt Polizeichef John Mina, der die Bluttat als die „schlimmste Massenschießerei in der US-Geschichte“ einstuft.

Zwölf Stunden nach Beginn des Massaker tritt der Präsident vor die Presse. „Das war ein Akt von Terror und ein Akt des Hasses“, erklärt Barack Obama. Schwule und Lesben seien die Zielscheibe gewesen, aber der Anschlag habe sich gegen alle Amerika­ner gerichtet. Obama beklagt, es sei zu einfach an Waffen zu gelangen, solche Bluttaten auszuführen. „Wir müssen uns entscheiden, ob wir solch ein Land sein wollen.“

FBI-Agent Ronald Hopper, der in Orlando die Arbeit der amerikanischen Bundespolizei koordiniert, weist auf mögliche Verbindungen des Attentäters zum radikalen Islam und Sympathien für den Daesch hin. Gleichzeitig mahnt er, die weiteren Ermittlungen abzuwarten. „Wir können noch nichts Definitives sagen.“ Der Sheriff von Orange County, Jerry Demings, wagt sich weiter vor: „Das war gewiss ein Akt einheimischen Terrors.“

Nach den zu Redaktionsschluss vorliegenden Informationen stammt der 29-jährige Attentäter aus einer Familie afghanischer Einwanderer, kam aber selber in Florida zur Welt. Er lebte in Port St. Lucie, 170 Kilometer südöstlich von Orlando. Das FBI ortete den als private Sicherheitskraft tätigen Mann in Internet-Foren, auf denen Sympathisanten der radikalen Islamistenszene kommunizieren.

Ob eine direkte Verbindung zum Daesch besteht, bleibt bisher unklar. Es könnte sich auch um einen sogenannten „einsamen Wolf“ handeln, der sich selber radikalisiert hat. Der demokratische Kongress-Abgeordnete Adam Schiff sagte, ihm lägen Hinweise vor, dass Mateen dem Daesch einen Treueschwur geleistet hat. Nach Informationen des Fernsehsenders CNN gab es in zwei Fällen bereits Ermittlungen wegen Verbindungen des mutmaßlichen Attentäters zum islamistischen Extremismus. Eine der Tatwaffen habe Mateen erst in den vergangenen beiden Wochen in einem Waffenladen im Kreis St. Lucia erworben.

„Wir werden in den kommenden Tagen eine andere Diskussion haben“, sagt der Republikaner Marco Rubio voraus, der den Sonnenstadt im US-Senat vertritt. Sollten sich die Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund verdichten, dürfte der schwerste Terroranschlag seit dem 11. September 2001 nach Einschätzung von Analysten zum Wahlkampfthema werden.

Rechtspopulist Donald Trump gab via Twitter bereits einen Vorgeschmack. „Wann werden wir endlich hart, klug und wachsam?“, schrieb der republikanische Präsidentschaftskandidat. Seine demokratische Widersacherin Hillary Clinton sprach von „verheerenden Nachrichten“ und drückte ihre Anteilnahme aus.

Der Gouverneur von Florida, Rick Scott, sprach von einem „klaren Akt des Terrorismus“. Jeder Amerikaner sollte darüber wütend sein. Andere Politiker äußerten sich geschockt, boten Gebete für die Opfer und Angehörigen an oder wiesen darauf hin, dass sich die Angriffe nicht zufällig gegen sexuell anders orientierte Menschen richteten. Auch der Vorsitzende der Islamischen Gesellschaft von Zentralflorida, Muhammad Musri, drückte seine Anteilnahme aus. „Wir trauern, unsere Herzen sind gebrochen.“ Gleichzeitig mahnte Musri zur Umsicht und warnte vor voreiligen Rückschlüssen. Dies sei keine Zeit für Sensationsgeschichten. Die polizeilichen Ermittlungen sollten abgewartet werden.

Nur wenige Stunden nach dem Amoklauf ist vor Beginn einer großen Schwulen-Parade in Los Angeles ein bewaffneter Mann festgenommen worden, wie US-Medien berichteten. Nach dem Anschlag in Orlando waren die Sicherheitsvorkehrungen bei der Gay-Pride-Parade in West Hollywood erhöht worden. Den Berichten zufolge nahm die Polizei am Sonntagmorgen einen Mann fest, in dessen Fahrzeug zahlreiche Waffen gefunden wurden. Der Mann soll erklärt haben, dass er an den Schwulen-Feierlichkeiten am Wochenende in Los Angeles teilnehmen wollte.

Nur einen einzigen Tag vor dem Amoklauf war ebenfalls in der 240 000-Einwohner-Stadt Orlando die 22-jährige „The Voice“-Sängerin Christina Grimmie nach einem Konzert erschossen worden (wir berichteten). Bei dem Täter von Freitagabend handelte es sich offenbar um eine geistig verwirrte Person.

„Wir müssen uns entscheiden, ob wir solch ein Land sein wollen.“ Barack Obama zum Thema Waffenkauf
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