Kommentar zum Tag der Pressefreiheit Ein Auftrag an die Leser

Am Tag der Pressefreiheit schmückt ein Gemälde von Norbert Bisky die Teilseite des WESER-KURIER. Chefredakteur Moritz Döbler kommentiert das Kunstwerk und den Anlass.
02.05.2019, 17:38
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Ein Auftrag an die Leser
Von Moritz Döbler

Nichts soll den Blick auf die Welt verhindern – so könnte die Botschaft des Kunstwerks lauten, das am Tag der Pressefreiheit diese Zeitung schmückt. Für den Anlass geschaffen hat es der Maler Norbert Bisky, der in der DDR aufgewachsen ist und als einer der großen deutschen Gegenwartskünstler gilt. „Rauschen“ heißt sein Ölgemälde, hier verkleinert abgebildet.

Kunst erschließt sich nicht immer auf Anhieb, aber auch der Titel passt zum Anlass. Häufig wird von „den Medien“ gesprochen, vor allem, wenn sie in der Kritik stehen, als ob sie ein großes gemeinsames Gefüge wären, das ein gleichförmiges Rauschen erzeugt. In der Summe mag das so sein, aber jedes einzelne Medium hat seinen eigenen Klang, findet eigene Perspektiven.

Der Begriff der Pressefreiheit, ein noch recht junges Grundrecht, kommt sperrig daher. Er scheint die Freiheit der Presse zu meinen. Aber es geht nicht nur um die Arbeit von Redaktionen, sondern ebenso um die Freiheit von Leserinnen und Lesern. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, heißt es im Artikel 5 des Grundgesetzes, dessen zweiter Halbsatz leicht untergeht.

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Im Westen Deutschlands gilt die Pressefreiheit seit 70 Jahren und es schien lange so, als ob sie nur anderswo gefährdet sei. Aber auch hierzulande sehen sich Journalisten zunehmend mit einer Geringschätzung ihrer gesellschaftlichen Aufgabe konfrontiert, und Österreich ist nicht weit. Dort regiert die FPÖ mit und fordert den Rauswurf des Fernsehmoderators Armin Wolf, der für seine kritischen Fragen bekannt ist.

Ein öffentlich-rechtliches System, in dem Parteibücher eine Rolle spielen, ist anfällig für staatliche Eingriffe, aber das Beispiel zeigt überdeutlich, wie brüchig die Pressefreiheit in Wahrheit sein kann. Denn hier tritt der Angriff offen zutage und wird nicht einmal ansatzweise kaschiert.

Auch die ARD stünde vor solchen Belastungsproben, falls die AfD in einem Bundesland mitregieren sollte und nicht mehr wie bisher bundesweit nur vereinzelt in Rundfunkräten und Landesmedienanstalten vertreten wäre.

Doch wer die Pressefreiheit schützen will, darf sich nicht nur mit dem Verhältnis von Staat und Medien befassen. Aus ihr erwächst auch ein Auftrag für die Leserinnen und Leser, andere Meinungen und Blickwinkel zu tolerieren und wertzuschätzen, auch innerhalb eines Mediums. Wie langweilig wäre die Zeitung, die nur schreibt, was man selber schon denkt?

Es muss einem nicht alles gefallen, was man liest. Auch Artikel, die einem missfallen, haben ihren Wert. Bei Biskys Gemälde lässt sich nicht sagen, ob der abgebildete junge Mann eher ein Medienschaffender oder ein Mediennutzer ist. Aber das ist auch nicht entscheidend, denn für beide Rollen gehört die Pressefreiheit zu den elementaren Errungenschaften der freien Gesellschaft.

Es gibt niemanden, der nicht von ihr profitiert. Wer einen klaren Blick auf die Welt sucht, muss Augenbinden aus Vorurteilen und Ideologien ablegen und sich öffnen für andere Perspektiven.

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