Kölner Anschlag Thema im NSU-Prozess „Ein Bild der Verwüstung“

München. Es ist ein schöner Frühsommernachmittag, als am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße die Bombe explodiert.
13.01.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Wiebke Ramm

Es ist ein schöner Frühsommernachmittag, als am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße die Bombe explodiert. Der Sprengsatz enthält gut fünf Kilogramm Schwarzpulver und etwa 800 Nägel – jeder ist zehn Zentimeter lang. Drei Beamte des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen berichteten gestern am ersten Tag des NSU-Prozesses in diesem Jahr vor dem Oberlandesgericht München von ihren Ermittlungen. Auf Hunderten Fotos zeigten sie das Ausmaß der Zerstörung.

Es ist das erste Mal, dass es im NSU-Prozess ausführlich um den Kölner Nagelbombenanschlag geht. Bisher waren lediglich Videoaufnahmen einer Überwachungskamera gezeigt worden. Auf diesen Aufnahmen sind nach Ansicht der Bundesanwaltschaft die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu erkennen, wie sie mit dem Fahrrad samt darauf montierter Bombe unterwegs in die Keupstraße waren. Beate Zschäpe steht als einzige Überlebende des Trios in München als Hauptangeklagte vor Gericht.

Die Polizisten, die damals als Erste am Tatort waren, sahen blutüberströmte Menschen auf der Straße liegen, andere irrten verstört umher. Aus dem Friseurgeschäft im Haus Nummer 29 stiegen Rauchschwaden, sämtliche Scheiben des Ladens waren zersplittert, das Mauerwerk beschädigt. Noch 250 Meter entfernt waren Schaufenster, Auto- und Fensterscheiben zerborsten. „Ein Bild der Verwüstung“, erklärte einer der Ermittler. Mindestens 22 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich. Dass niemand getötet wurde, „ist nur einem Zufall zu verdanken“, heißt es in einem Bericht des Landeskriminalamtes. Die Keupstraße im Kölner Stadtteil Mühlheim bildet das kulturelle Zentrum einer türkischen Gemeinde. So waren auch die meisten Opfer türkischer Herkunft.

Die Ermittler suchten die Täter im Umfeld der Keupstraße. Wie schon bei den fünf vorangegangenen Morden des NSU wurden wieder die Opfer selbst verdächtigt. Schutzgelderpressung, Drogengeschäfte, PKK, Graue Wölfe – die Ermittler hielten alles für möglich. Auf eine Neonazi-Terrorzelle, die bereits fünf Menschen ermordet hatte und noch fünf weitere ermorden sollte, kamen sie nicht. Am 24. Juni 2008 stellte die Kölner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ergebnislos ein.

Im November 2011 fanden die Ermittler im Brandschutt des letzten Verstecks von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Frühlingsstraße in Zwickau 20 Zeitungsartikel und eine DVD mit Fernsehberichten über den Nagelbombenanschlag. Schließlich gestand der NSU selbst in seinem perfiden Bekennerfilm nicht nur die zehn Morde, sondern auch den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße.

In der kommenden Woche werden die Opfer von damals selbst zu Wort kommen: Über drei Tage hinweg will das Gericht sie und ihre Ärzte befragen.

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