Nach dem Mauerfall Ein Crashkurs in Demokratie von Staatsrat Lühr

Der Mauerfall – für Henning Lühr wurde er zum teuren Spaß. 20 Mark musste der heutige Staatsrat damals berappen. Und das lag an einer roten Ampel.
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Ein Crashkurs in Demokratie von Staatsrat Lühr
Von Milan Jaeger

Der Mauerfall – für Henning Lühr wurde er zum teuren Spaß. 20 Mark musste der heutige Staatsrat damals berappen. Und das kam so: Als der damalige Abteilungsleiter bei der Bremer Senatskommission für das Personalwesen am Abend des 9. November 1989 mit dem Auto die Heimfahrt antrat, hatte ihn die historische Nachricht noch gar nicht erreicht. Als Lühr dann im Radio das Gestammel des SED-Mannes Günter Schabowski hörte („Das trifft nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.“), übersah er Am Wall glatt eine rote Ampel.

Was heute in Sekundenschnelle in alle Winkel des Internets und von dort aus in die Welt sickern würde, verbreitete sich vor 26 Jahren deutlich zögerlicher. Auch die bei der Pressekonferenz im internationalen Pressezentrum in der Ost-Berliner Mohrenstraße versammelten Journalisten brauchten ja ihre Zeit, um die ungeheure Neuigkeit zu begreifen: Erst um 19.41 Uhr, rund 40 Minuten nachdem Schabowski die Sache ins Rollen gebracht hatte, immerhin aber noch rechtzeitig vor den 20-Uhr-Nachrichten, tickerte die Deutsche Presse-Agentur: „Die DDR-Grenze ... ist offen.“

Für die Bremer Polizei waren die Ereignisse jedoch kein Grund, um von ihrer Pflicht abzusehen. Oder die herbeigeeilten Polizisten waren sich des historischen Moments einfach nicht bewusst. Jedenfalls ließen sie sich nicht davon abbringen, vom damals 39-jährigen Henning Lühr für dessen Fauxpas 20 D-Mark zu kassieren. Lühr nimmt es heute mit Humor: „Das war mein Beitrag zur deutschen Einigung.“

26 Jahre später und 25 Jahre nach der Wiedervereinigung weiß man, dass es hierbei nicht bleiben sollte. Was Lühr an diesem Abend nämlich noch nicht wusste: Er würde noch einen viel beträchtlicheren Beitrag zur deutschen Einigung leisten. Zwei Jahre zuvor nämlich, 1987, hatten die beiden Hansestädte Bremen und Rostock eine Partnerschaft geschlossen. Was eigentlich gedacht war, um Bürgerkontakte zwischen Ost und West zu knüpfen, bekam durch den Fall der Mauer eine ganz eigene Dynamik.

Und Henning Lühr war mittendrin. Zwischen März und Dezember 1990 war er als persönlicher Berater des Rostocker Oberbürgermeisters maßgeblich an der Neuorganisation der Verwaltung beteiligt.

„Direkt nach der ersten Kommunalwahl nach der Maueröffnung in Rostock im März 1990 hat mich Henning Scherf, damals Bürgermeister und Senator für Jugend und Soziales, zusammen mit meinem Kollegen Rolf Kempf nach Rostock geschickt“, erzählt Lühr.

Heute sitzt Lühr in seinem vornehm dunkel getäfelten Büro in Bremen und blickt zurück auf seine Zeit als Aufbauhelfer Ost. So will er aber gar nicht genannt werden: „Ich habe Hemmungen zu sagen: ,So, hier bin ich.’“ Lühr lächelt versonnen, wenn er von der turbulenten Zeit damals erzählt. Henning Scherf habe gesagt: „Wir brauchen Leute, die Ahnung von Verwaltung haben, aber auch die Menschen verstehen.“ So sollte Lühr zunächst einmal herausfinden, welcher Beratungsbedarf in Rostock überhaupt bestand. Und der war enorm.

Genauso wie die Aufgabe, die den Rostockern bevorstand. Es ging um nichts weniger, als um den Aufbau einer neuen Kommunalverwaltung. „Man wusste ja gar nicht, wo man anfangen sollte. Der Haushalt enthielt zum Beispiel keine Ist-Zahlen, sondern nur die in den Jahresplänen formulierten Ziele.“ Aus westdeutscher Sicht war die Rostocker Verwaltung in einem desolaten Zustand: Eine geordnete Übergabe der Amtsgeschäfte des alten Rates an den neu gewählten Senat hatte nicht stattgefunden, die Verwaltung war gewissermaßen implodiert. „Die Kader waren weg, und wir kamen dahin, um die Stadt zu organisieren“, sagt Lühr. Die neuen Figuren auf der politischen Bühne kamen aus der Protestbewegung und waren entsprechend unerfahren. „Quereinsteiger“ würde man heute sagen. Der neue Oberbürgermeister Klaus Kilimann, ein Physiker und SPDler, hatte unter der SED auf dem Abstellgleis gestanden. Die übrigen Senatoren waren Theologen, Mediziner und Biologen.

In der DDR hatte es keine kommunalen Volksvertretungen und keine mit den westdeutschen vergleichbaren Kommunalverwaltungen gegeben. So fehlte es an einem Überblick über das vorhandene Personal, es fehlte ein Stellenplan, die verbliebenen Beschäftigten der Stadtverwaltung verfügten über keine adäquate Verwaltungsausbildung und immer wieder wurden Leute mit SED- oder Stasi-Vergangenheit enttarnt und ihres Amtes enthoben. Eine Mammutaufgabe stand Lühr bevor. Und für die hatte er zunächst nur fünf Tage Zeit. So lange hatte der Bremer Senat ihm und seinem Kollegen Zeit gegeben, um einen Plan zu entwerfen.

Als er wieder zurück in Bremen war, verabschiedete der Senat flugs eine Vorlage, die das weitere Vorgehen regelte. Lühr bekam eine zwölfköpfige Beratungsmannschaft zur Seite gestellt, er selbst sollte Rostrocks Oberbürgermeister Kilimann neun Monate lang beraten und unterstützen.

Bei der Reorganisation der Rostocker Stadtpolitik orientierten sich Lühr und seine Mannschaft an einem Standard-Organigramm des Deutschen Städtetags. „Wir wollten das eigentlich schon überarbeiten“, erzählt Lühr, der damals auch in Gremien des Städtetags saß. Die Rostocker hätten das Organigramm aber lieber eins zu eins übernommen. „Für einen richtigen Diskussionsprozess war gar keine Zeit.“ Und die neuen Rostocker Herren seien zwischen Obrigkeitshörigkeit und unkonventioneller Naivität hin- und hergependelt. Also beließen sie es bei dem Standardmodell. Auch so gab es genügend Arbeit. „Das war Chaos pur“, sagt Lühr „und sehr aufwühlend.“

Heute sagt er, dass seine Leute den Rostockern einen „Crashkurs in Sachen Demokratie“ gegeben hätten. „Wer da als reiner Bürokrat vorgegangen ist, scheiterte.“ Es sei vielmehr auf das rechte Fingerspitzengefühl angekommen. „Mir war klar, dass ich weder als Kolonialoffizier noch als Beratungstourist auftreten darf.“ Er habe sich nicht zuletzt gefühlt wie ein „zeitgeschichtlicher Beobachter“.

Aus dieser Zeit ist einiges hängen geblieben. „Einmal hatten wir eine Senatssitzung“, erinnert sich Lühr an eine Anekdote. Der neue Kulturamtsleiter sei selbst noch Schauspieler gewesen und habe zu dieser Zeit in der Dreigroschenoper auf der Bühne gestanden. „Der hat sich dann für eine Stunde entschuldigt und draußen auf dem Flur Brechtlieder geübt.“ So habe Brecht den Sitzungsalltag aufgelockert.

Belastend hingegen sei die Ungewissheit bei der Frage gewesen, welcher der Mitarbeiter eine Stasi-Vergangenheit hatte. „Die Kaderakten waren alle vernichtet.“ Doch während der neun Monate seien einige Mitarbeiter als ehemalige „OIBEs“ (Offizier im besonderem Einsatz) enttarnt worden. So sei eines Tages ein enger Mitarbeiter des Oberbürgermeisters aufgeflogen. „Das hat mich persönlich berührt“, sagt Lühr. Vor allem die Ungewissheit, wer der nächste sein könnte, sei eine große Belastung gewesen und habe stark auf die Stimmung gedrückt.

Alles in allem glaubt Lühr aber, aus seiner Zeit in Rostock viel gelernt zu haben. „Man musste sich jeden Tag neu beweisen und neue Vorgehensweisen ausprobieren.“ Diese Fähigkeit und Bereitschaft hätten wenige Westler mitgebracht. Lühr selbst sieht sich selbst als „aufgeklärten Bürokraten“. Nur mit Bürokratie komme man in der Politik nicht weit. Auf der anderen Seite sei etwa ein Haushaltsplan auch „in Zahlen gegossene Politik“. Man braucht also beides. Eine Erkenntnis, die sich bei Lühr in Rostock verfestigte. Viel lief damals gut, aber, so räumt er ein, nicht alles: „Ich habe viel gelernt und würde heute mehr auf die Menschen eingehen“, sagt er. Das Wichtigste sei aber, dass man aus Fehlern lernen könne. „Das gilt für mich persönlich, aber auch für Deutschland.“

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