Werk in Hamburg nennt 227 Opfer der NS-Militärjustiz Ein Denkmal für Deserteure

Hamburg. „Endlich“. Nicht nur Ludwig Baumann hatte auf diesen Tag sehr lange gewartet.
25.11.2015, 00:00
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Ein Denkmal für Deserteure
Von Markus Lorenz

„Endlich“. Nicht nur Ludwig Baumann hatte auf diesen Tag sehr lange gewartet. Als Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gestern das Denkmal für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz nahe dem Dammtor-Bahnhof einweihte, fühlte der 92-Jährige wohl die größte Genugtuung unter den vielen Anwesenden. „Das ist für mich eine bewegende Stunde, und mir geht heute ein später Traum in Erfüllung“, gestand der Mann, der 1942 wegen Fahnenflucht von Militärrichtern der Wehrmacht zum Tode verurteilt worden war. Anders als etwa 330 Hamburger Leidensgenossen, die in Höltigbaum (Rahlstedt) erschossen und im U-Haftgefängnis am Holstenglacics geköpft wurden, überlebte Baumann. Als Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz hatte er seit Jahrzehnten für ein Mahnmal im Gedenken an Deserteure und andere Justizopfer der Nazizeit gekämpft. Der Standort für das Mahnmal nach dem Entwurf des Hamburger Künstlers Volker Lang ist denkbar prominent. Voller Bedacht wählte die Stadt für die Rehabilitierung der Deserteure einen Platz zwischen zwei anderen, hoch umstrittenen Denkmalen mit Kriegsbezug. Das Werk steht zwischen Stephansplatz und Dammtor, eingerahmt vom 76er Kriegerdenkmal Richard Kuöhls aus der Nazi-Zeit (1936) und vom Gegendenkmal des Österreichers Alfred Hrdlicka (1983-86).

Scholz sprach von einem „wichtigen politischen Zeichen für Zivilcourage und Gerechtigkeit“, Den quälend langen Vorlauf verschwieg der Senatschef nicht. „Das Umdenken kam spät. Nicht zu spät, aber doch beschämend spät.“ Das gelte nicht nur in Hamburg, erst 2002 seien die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure der Wehrmacht aufgehoben worden. Den Bau des Denkmals in der Hansestadt hatte die Bürgerschaft 2012 auf Initiative der Links-Fraktion beschlossen.

Entstanden ist ein transparenter Baukörper in Form eines gleichseitigen Dreiecks. Zwei der drei Wände bilden bronzene Schriftgitter. Eine geschlossene Wand schließt den Raum zum Dammtordamm hin ab. Die Texte der Schriftgitter sind dem Werk „Deutschland 1944“ des Autors Helmut Heißenbüttel entnommen, das auch als Audioinstallation am Ort zu hören ist. Die Informationen zum Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz werden als Text auf der Betonwand angebracht. Der Ort wird durch acht großformatige Informationsstelen ergänzt.

Auch in Bremen gab es seinerzeit Streit und politisches Für und Wider, als im Oktober 1986 ein „Dem unbekannten Deserteur“ gewidmetes kleines Denkmal von der Bremer Gruppe „Reservisten verweigern sich“ anlässlich eines Bundestreffens geschaffen und zunächst auf dem Ansgarikirchhof enthüllt worden war. Später wurde es im Foyer des Gustav-Heinemann-Bürgerhauses in Vegesack aufgestellt, wo es bis heute zu besichtigen ist. Die Junge Union (JU) nannte das Mahnmal damals „eine Verhöhnung aller im Krieg Gefallenen“; die CDU missbilligte das „Denk-Mal“ und forderte die sofortige Entfernung.

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