Kommentar über die gefährliche Lage in Nahost Ein Funke könnte die Region in Brand setzen

Rachewellen überschwemmen die Region seit Langem. Auch wenn alle Seiten immer beteuern, an einem Krieg kein Interesse zu haben, reicht ein Funke aus, um die Region in Brand zu setzen, schreibt Birgit Svensson.
09.09.2019, 17:16
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ein Funke könnte die Region in Brand setzen
Von Birgit Svensson

Wie hoch explosiv die Stimmung im Nahen und Mittleren Osten ist, zeigen einmal mehr die letzten beiden Wochen. Schon atmeten die Menschen im Iran, Irak, Syrien und auch im Libanon auf, als der französische Staatspräsident Emmanuel Macron es mit einem geschickten Schachzug schaffte, eine gewisse Entspannung zwischen Teheran und Washington zustande zu bringen. Beide Seiten wollten sich treffen, unter der Vermittlung Frankreichs. US-Präsident Donald Trump war auf der unerwartet positiven Pressekonferenz im französischen Biarritz davon angetan, bald Irans Präsident Hassan Rohani die Hand zu schütteln. Vorher war sein Außenminister zum G7-Treffen geladen worden.

Mohammed Dschawad Sarif gilt seitdem im Iran als Held, denn die US-Regierung hat gegen sein Land und neuerdings auch gegen ihn Sanktionen verhängt. Er darf nur noch zur Uno nach New York. Ansonsten darf er amerikanischen Boden nicht mehr betreten. Außerdem sollen seine Vermögenswerte in den USA eingefroren werden. US-Bürgern sind jegliche Geschäfte mit ihm untersagt. Sarif kommentierte diesen Schritt mit einem Schmunzeln auf den Lippen: Er habe überhaupt kein Vermögen in den USA. Peinlich für Trump.

Doch das Aufatmen und die leise Hoffnung auf eine Entschärfung der Konfrontation in der Region währten nicht lange. Neues Unheil zeichnet sich am Horizont ab. Dieses Mal ist das Szenario nicht mehr Washington gegen Teheran, sondern Israel gegen Iran. Fast zeitgleich mit der leichten Entspannung zwischen Iran und den USA sind in den vergangenen beiden Wochen Raketen auf Militärstützpunkte im Irak eingeschlagen. Ein Flugkörper traf eine Basis nahe der Stadt Amerli nördlich von Bagdad, wohin kurz zuvor iranische Raketen transportiert worden sein sollen. Danach traf ein Geschoss das Camp Ashraf ebenfalls nördlich von Bagdad, wo sich Waffendepots befinden. Die Hinweise verdichten sich, dass Israels Militär die Angriffe im Irak durchgeführt hat. Auch westliche Geheimdienste gehen davon aus. Solche, die Israel wohl gesonnen sind.

Sollte Premier Benjamin Netanjahu tatsächlich Ziele im Irak angegriffen haben, so hätte die Eskalation eine neue Dimension erreicht. Bisher beschränkte sich sein Eingreifen gegen den Erzfeind Iran auf Syrien und den Libanon, also Ziele in nächster Umgebung. Ob Netanjahu im Irak in Absprache mit seinem Verbündeten in Washington gehandelt hat oder im Alleingang? Die Frage wird wohl nie beantwortet werden. Die Amerikaner schweigen, die Israelis ebenso und auch die Regierung in Bagdad, auf deren Territorium die Angriffe geschahen, ist bemerkenswert ruhig.

Anders die Schiitenmilizen, die sogenannten Volksmobilisierungskräfte, die sich auf diesen Stützpunkten eingerichtet haben und gegen die die Angriffe gerichtet waren. Die Milizen zählen etwa 140 000 Kämpfer. Als die sunnitische Terrormiliz „Islamischer Staat“ den Irak 2014 überrollte, formierte sich eine Allianz schiitischer Kämpfer, um gegen die Dschihadisten vorzugehen. Das Regime in Teheran bildete die junge Truppe aus und stattete sie mit modernen Waffen aus. Erfolgreich drängten sie die IS-Kämpfer zurück. Jetzt haben sie sich vor allem in den früheren IS-Hochburgen festgesetzt: Eine Schattenarmee, mit deren Hilfe der Iran seine Macht in der Region erheblich ausbaut. Offiziell wurde die Haschd al Shaabi, wie sie auf Arabisch heißt, mittlerweile in die irakische Armee eingegliedert. Doch noch immer führt sie ein Eigenleben, hört im Zweifel eher auf den Befehl aus Teheran als aus Bagdad.

Das ist Netanjahu ein Dorn im Auge, er befürchtet iranische Raketen, die vom Irak auf Israel abgeschossen werden. Dafür riskiert er nun einen Flächenbrand und die Rache der Milizen. Natürlich hat das alles auch mit den Wahlen zu tun, die in Israel anstehen. Haschd al Shaabi hat bereits mit Vergeltung und Rache gedroht – feste Bestandteile der arabischen Gesellschaften. Aber auch Israel wird nicht müde, immer wieder Vergeltungsschläge durchzuführen, wie unzählige Berichte aus dem Gazastreifen und den Palästinensergebieten bestätigen.

Auge um Auge, Zahn um Zahn, steht im Alten Testament, in der Thora und im Koran. Leider werden es heutzutage immer mehr, die danach leben und handeln. Auch wenn alle Seiten immer beteuern, an einem Krieg kein Interesse zu haben, reicht schon ein Funke aus, um die gesamte Region in Brand zu setzen. Ausgerechnet in dem krisengeschüttelten Land Irak, in dem sich Millionen nach Frieden und Stabilität sehnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+