Brüssel Ein Land zwischen Jubel und Panik

Es ist wirklich passiert. Bevor Big Ben, die berühmteste Turmuhr der Welt, zur neunten Stunde des 24.
25.06.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Katrin Pribyl, London

Es ist wirklich passiert. Bevor Big Ben, die berühmteste Turmuhr der Welt, zur neunten Stunde des 24. Juni geschlagen hatte, war Großbritannien ein anderes Land. Kurz vor sechs Uhr morgens hallte nämlich bereits ein anderer, ein folgenschwerer Glockenschlag über die Insel, der die ganze Nation aufwecken sollte: Das Vereinigte Königreich hat sich in dem historischen Referendum gegen die Mitgliedschaft in der EU entschieden. Den Brexit, es gab ihn am Freitag zum Frühstück.

Kurz darauf kündigt Premierminister David Cameron seinen Rücktritt an. Das Pfund stürzt schon vorher krachend ab. Labour-Abgeordnete fordern den Abgang ihres Chefs Jeremy Corbyn und in den Ministerien eilen Regierungsangestellte wie Geister durch die altehrwürdigen Gänge. In Krisentreffen suchen europafreundliche Politiker Zuflucht. In Talkshows suchen europafeindliche Politiker Applaus. Was geschieht gerade? Panik und Jubel wechseln sich in den sozialen Medien ab. Twitter und Facebook kennen nur ein Thema. Während auf der einen Seite die Sieger die „Demokratie und Souveränität feiern“, äußert sich auf der anderen die Sprachlosigkeit der Verlierer in stammelnden Sätzen. Die Reporter versuchen ob des Unfassbaren die Fassung zu bewahren. „Es wird Geschichte geschrieben“, sagt eine Journalistin etwas hilflos in ihr Mikrofon.

Auf den Straßen Londons, Liverpools und Birminghams kommen derweil außergewöhnlich viele Menschen zusammen und wedeln mit einer Union-Jack-Flagge. „Wir haben unsere Souveränität zurück“, ruft ein Mann mittleren Alters im Freudentaumel und „Leave“-T-Shirt. Eine Passantin, sie sei 27 und heiße Katrina, sagt sie, bleibt stehen, holt tief Luft und schreit voller Wut: „Ihr zerstört unsere Zukunft.“ Der Ärger prallt am britischen Jubel ab. Katrinas Begleiter tätschelt wie zur Beruhigung ihre Wange. Doch die Wut und Frustration ist an vielen Orten zu spüren. „Das ist eine Katastrophe und vielleicht wache ich morgen aus diesem Albtraum auf“, flucht Lucy Hann. Die 35-Jährige sitzt in einem Londoner Café und starrt wie gebannt auf den Fernsehschirm, auf dem nur immer wieder „UK votes Out“ aufblitzt.

Dabei begann der Vorabend für Europa hoffnungsvoll mit optimistischen Umfragen. Und mit Gibraltar, dem ersten von 382 Wahlbezirken: 19.322 für „In“, 823 für „Out“ – ein Gast einer EU-freundlichen Wahlveranstaltung lachte noch aufgrund des unrepräsentativen Ergebnisses in dem Überseegebiet. Die Überraschung sei doch, scherzte er, dass 823 Menschen für den Brexit gestimmt hätten. Dann färbte sich die englische Landkarte in der Nacht zunehmend blau, nur Schottland und Nordirland leuchteten rot. Am Ende lachte keiner mehr im Lager der EU-Freunde. 51,9 Prozent stimmten für den Austritt, 48,1 Prozent votierten für den Status Quo.

Um halb neun Ortszeit tritt David Cameron aus der Tür in Downing Street Number 10 und vor die Kameras, begleitet lediglich von seiner Frau Samantha, deren Gesichtsausdruck bereits verrät, was kommen sollte. David Cameron kündigt seinen Rücktritt an. Ein bisschen zu laut und zu schnell wendet er sich an seinem schwarzen Freitag an die Bevölkerung: „Der Wille des britischen Volkes ist eine Anweisung, die befolgt werden muss.“ Nur denke er nicht, dass er „der Kapitän sein sollte, der das Land zu diesem neuen Ziel steuert“. Seine Stimme klingt von Tränen verwässert, als er ansetzt: „Ich liebe dieses Land und ich fühle mich geehrt, ihm sechs Jahre lang als Premierminister gedient zu haben.“

Was für ein tiefer Fall dieses David Cameron, der vor 13 Monaten noch an derselben Stelle stand und voller Stolz den überraschenden Gewinn der absoluten Mehrheit bei der Parlamentswahl feierte. Doch der Tory-Chef lässt eben einen wichtigen Aspekt aus. Dass es überhaupt ein Referendum gab, hatte allein er zu verantworten. Um die rebellischen Europaskeptiker in den eigenen Reihen zu beruhigen, die seit Jahren zumindest eine harte Hand gegenüber Brüssel, aber am liebsten gleich den Austritt aus der Union forderten, versprach er die Volksabstimmung. Zu mächtig schienen ihm die Stimmen der Hinterbänkler, die ihm von Beginn seiner Amtszeit auf den Füßen standen. Nun geht er in die Geschichte ein als jener Premier, der um den Aufstieg der EU-feindlichen Unabhängigkeitspartei Ukip zu bremsen, aber vor allem wegen innerparteilichen Querelen die EU-Mitgliedschaft verzockt hat.

Wer wird David Cameron beerben? Seit Wochen im Gespräch, auch weil er sich ständig selbst ins Gespräch bringt, ist Boris Johnson. Der Ex-Bürgermeister Londons und Wortführer der „Brexiteers“ orchestriert am Freitag wie gewohnt seinen Auftritt. Stundenlang harren Reporter vor seinem Londoner Haus aus. Als sich die Tür endlich öffnet, huscht er im Schutz der Polizei schnell ins Auto, etliche Briten, die mit der Presse auf ihn gewartet haben, beschimpfen ihn als „Abschaum“. Auf der Pressekonferenz wählt er dann mit ruhiger, bestimmter Stimme staatsmännische Worte. „Wir können Europa nicht den Rücken zuwenden, wir sind Teil Europas“, sagt Johnson, dem in den vergangenen Wochen immer wieder Opportunismus vorgeworfen wurde, weil er sich „aus politischem Kalkül“ für das Brexit-Lager entschieden habe.

Boris, wie die Briten ihn nur nennen, will sich offenbar für das höchste Amt empfehlen: „Wir können all jenen, die versuchen, Einwanderung für ihre politischen Zwecke einzusetzen, den Wind aus den Segeln nehmen.“ Die linksliberale Presse meint, sich verhört zu haben. Immerhin war es der brillante Rhetoriker Johnson, der mit Hitler-Vergleichen und Attacken auf Barack Obama völlig überdrehte. Noch kurz, bevor die Wahllokale schlossen, konnte er nicht genug den „Unabhängigkeits-Tag“ beschwören, welcher der 23. Juni künftig sein solle. Endlich wieder die Kontrolle zurückerlangen. Über die Grenzen, die Einwanderer, Gesetze und Vorschriften, die Wirtschaft. Doch er weiß, seit Freitag muss er sich von den Rechtspopulisten deutlich distanzieren, will er in die Downing Street einziehen.

„Die Sozialdemokraten haben dieses Referendum entschieden“, sagt Simon Hix, Politikprofessor an der London School of Economics. Jeremy Corbyn, der Labour-Chef habe kein klares, leidenschaftliches Signal aussenden können. Dabei hätte ausgerechnet der Altlinke die Kritik des „Leave“-­Lagers am Establishment einfangen können. Überdurchschnittlich viele ältere Männer haben den Brexit unterstützt, hinzu kamen weniger gut ausgebildete Briten, die sich zurückgelassen fühlen. Die Verlierer der Globalisierung haben die Gewinner überstimmt.

Auf der europafreundlichen Seite standen mehrheitlich jüngere, wohlhabendere, gebildetere Menschen. Und so überrascht es kaum, dass sogar eine Wahlstatistik aufzeigt, wie die Älteren über die Zukunft der Jungen bestimmt haben. Hätten nur die unter 50-Jährigen votiert, wäre Großbritannien in der EU geblieben. Unter den 18- bis 24-Jährigen haben sich sogar drei von vier jungen Briten eine Zukunft in der Staatengemeinschaft gewünscht. Bei den über 65-Jährigen stimmten dagegen mehr als 61 Prozent für den Brexit.

Das Vereinigte Königreich ist alles andere als einig. „Das Land ist zutiefst gespalten“, sagt Hix. Jung gegen Alt. Arm gegen Reich. Urban gegen Ländlich. Und eben auch Süd gegen Nord. Denn England hat die Landesteile Schottland und Nordirland überstimmt, die sich beide mehrheitlich für Europa ausgesprochen haben. Nicola Sturgeon, die Vorsitzende der Scottish National Party (SNP), sprach denn auch gestern aus, was viele bereits befürchtet hatten. Ein zweites Referendum über die Eigenständigkeit Schottlands sei „höchst wahrscheinlich“, nachdem die Autonomiebefürworter im Herbst 2014 die Volksabstimmung verloren. Bricht nun das Königreich auseinander? Auch Nordirland macht Druck. So fordert auch die irisch-nationalistische Partei Sinn Fein eine Abstimmung über eine Wiedervereinigung Irlands.

„Wir haben unsere Souveränität zurück.“ Ein Brite, der für den Austritt gestimmt hat.
„Ihr zerstört unsere Zukunft.“ Eine Britin, die gegen den Austritt stimmte.
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