Gastkommentar über Kinderarmut Ein Recht auf uneingeschränkte Teilhabe

Statt weiter an den Symptomen der Kinderarmut herumzudoktern, sollte eine strukturelle Neuausrichtung erfolgen. Unser Gastautor Carsten Schlepper fordert eine Kindergrundsicherung.
03.08.2019, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Carsten Schlepper

Kinderarmut hat in Bremen ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Im letzten Jahr lebte fast jedes dritte Bremer Kind im Alter bis 15 Jahre in einem Haushalt, der auf Hartz IV- Leistungen angewiesen ist. Für Kinder hat es schwerwiegende Folgen, wenn sie in Armut aufwachsen. Sie nehmen an Bildungs- und Freizeitangeboten nicht teil und verpassen somit den wichtigen Anschluss für ihre kognitive und persönliche Entwicklung.

Im Juli ist das Familienstärkungsgesetz in Kraft getreten. Für die Unterstützung von Familien mit Kindern werden mehr finanzielle Leistungen angeboten, um zum Beispiel den Besuch im Sportverein oder das Mittagessen in der Kita zu bezahlen. Aber selbst die Verantwortlichen in den zuständigen Ministerien, Familienministerin Franziska Giffey und Arbeitsminister Hubertus Heil, gehen davon aus, dass nur 35 Prozent der Anspruchsberechtigten diese Angebote tatsächlich wahrnehmen werden.

Kinderarmut in Deutschland ist ein Armutszeugnis für die strukturellen Unterstützungssysteme. Auch die schon vollzogene Kindergelderhöhung in diesem Jahr machen die eklatanten Schwächen deutlich. Für Bezieher von Hartz IV erfolgt nämlich eine Verrechnung der 10 Euro mehr pro Kind, sodass dieses Geld überhaupt nicht zusätzlich in diesen Familien ankommt.

Statt weiter an den Symptomen der Kinderarmut herumzudoktern, muss eine strukturelle Neuausrichtung erfolgen. Der Kinderschutzbund fordert seit langem eine Kindergrundsicherung. Etwas lernen und an der Gesellschaft teilhaben zu können, ist ein Grundrecht. Mit der geforderten Kindergrundsicherung erhalten Familien einen Garantiebetrag pro Kind, der je nach Alter und Familieneinkommen pro Monat festgelegt wird. Damit können fast alle anderen Leistungen ersetzt werden.

Gesellschaftlich muss ein Umdenken erfolgen. Die Antragsteller werden bei den Kinderzuschlägen wie Bittsteller behandelt. Dabei haben die Familien einen gesetzlichen Anspruch auf diese Leistungen. Deshalb ist unser Leitmotiv im Kinderschutzbund: Starke Eltern bedeutet starke Kinder. Wir vertrauen den Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen. Sie müssen dazu in die Lage versetzt werden und mit Informationen und Ressourcen ausgestattet werden, damit die Unterstützung direkt bei den Kindern ankommt. Dafür sollten in und um Kitas und Schulen Netzwerke geschaffen werden. In diesen Familienzentren stehen Knowhow und kompetente Beratung zur Verfügung, mit der die Eltern die Unterstützung für ihren Familienalltag selbstbestimmt organisieren können.

Info

Zur Person

Unser Gastautor

ist Vorsitzender des Kinderschutzbundes Bremen. Zudem leitet er den Landesverband Evangelischer Kindertageseinrichtungen der Bremischen Evangelischen Kirche.

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