Biolandwirtschaft Ein Rind per Post

May-Britt Wilkens ist Gründerin des Internet-Unternehmens Besserfleisch, das nachhaltig erzeugtes Fleisch verkauft. Interessierte können sich ein Bild von der Tierhaltung machen und die Höfe besuchen.
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Ein Rind per Post
Von Jan-Felix Jasch

Am Anfang steht eine Enttäuschung: May-Britt Wilkens arbeitet als Übersetzerin in China. Als sie ihre Familie in Nienburg an der Weser besucht, freut sie sich auf ein Bio-Steak, bei dem sie sich auf gute Qualität und geprüfte Herkunft verlassen kann. „Das war in China nicht möglich“, sagt sie. Dort habe das Fleisch häufig ungekühlt in den Schaufenstern der Läden und Restaurants gehangen. „Ich bin da echt kritisch.“ Daher habe sie in den dreieinhalb Jahren in China auf Fleisch verzichtet.

In Nienburg beginnt Wilkens, sämtliche Fleischereien abzuklappern. Fleisch aus dem Supermarkt will sie nicht kaufen. Aber auch in den Metzgereien der Stadt wird sie nicht fündig: Kein Verkäufer kann genau benennen, woher das Fleisch kommt und wie die Tiere gehalten und ernährt worden sind. Das findet sie komisch, denn um Nienburg herum halten viele Bauern ihre Rinder auf den Feldern. Sie beginnt sich zu fragen, warum sie kein Fleisch von diesen Tieren kaufen kann. Enttäuscht und ohne ein Bio-Steak gegessen zu haben, kehrt Wilkens nach China zurück.

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Dort reift die Erkenntnis: „Wenn das keiner kann, mache ich es einfach selbst.“ Sie beginnt, den Markt zu sondieren. Es gibt einen großen Mitbewerber und mehrere kleine. Wilkens will Fleisch aus guter Haltung anbieten. Es soll den Tieren gut gehen, das Fleisch soll schmecken, nachhaltig produziert werden und außerdem soll möglichst wenig weggeworfen werden. „Ich habe dann über Tierhaltung und auch die Schlachtung recherchiert.“ Aber sie war noch weit entfernt, ein Unternehmen zu gründen. Die Logistik macht ihr zu schaffen. Sie kann keine Kuh kaufen und dann verteilen. Wo soll sie das Fleisch lagern? Sie kommt auf die Idee, sich eine Kuh mit anderen Menschen zu teilen. Aber dafür braucht sie Hilfe.

Erster Kooperationspartner

Als sie wieder in Deutschland ist, baut sie mithilfe eines Bekannten eine Webseite auf. Dann trifft sie sich mit dem Bio-Bauern Lukas Nossenheim zu einem ersten Gespräch. Er ist sofort begeistert von der Idee. Im Oktober wird sein Krumbecker Hof bei Lübeck der erste Kooperationspartner von Wilkens Unternehmen. Nossenheim hat den Hof erst kurz vorher übernommen. Seine erste Amtshandlung war, sich Aubrac-Rinder zu kaufen. „Weil er sie so cool findet“, sagt Wilkens. Um Geld mit dem Fleisch der Tiere zu verdienen, benötigt der Bauer Vertriebsmöglichkeiten. Wilkens zeigt ihm eine auf. Nossenheim will das Tier nicht direkt an Schlachthöfe geben, weil der Ertrag zu niedrig ist. Ein Kilo Schlachtgewicht bringt knapp vier Euro – etwa 1500 Euro pro Rind. Das deckt kaum die Kosten.

Mittlerweile arbeitet die 31-Jährige mit vier Bio-Höfen in Norddeutschland zusammen; außerdem mit zwei Schlachthöfen. Dort werden die Tiere von den Bauern hingefahren, dann geschlachtet, zerlegt, gelagert und auch verpackt. Alle Betriebe hat sie selbst ausgesucht und mehrfach besucht. „Der enge Kontakt ist mir wichtig.“ Außerdem auch die Transparenz. Jederzeit können Interessierte sich ein Bild von den Lebensbedingungen der Tiere machen. Sie habe häufig Anfragen von Menschen, die die Höfe besuchen wollen. „Das ist gar kein Problem“, sagt sie. Nur bei den Schlachthöfen sei es nicht ganz so einfach. Aber mit einer ersten Gruppe habe es bereits geklappt.

Wilkens erinnert sich noch gut an ihren ersten Besuch dort. „Das war nicht so leicht für mich“, sagt sie. Aber das Schlachten gehöre ja dazu. Ihr ist es wichtig, dass die Tiere respektvoll behandelt werden und sich den Umständen entsprechend gut fühlen. „Natürlich geht das nur bis zu einem gewissen Grad, wenn sie getötet werden.“ Aber es trage schon zum Wohlbefinden der Tiere bei, dass sie mindestens eine Nacht Eingewöhnungszeit erhalten und somit entspannter sind. „Bei unseren Höfen ist es so human, wie es sein kann“, sagt Wilkens.

Weidehaltung hat Priorität

Wichtig ist ihr, dass die Tiere auf der Weide gehalten werden. Bei dem ersten Hof, mit dem sie zusammengearbeitet hat, stehen die Tiere immer auf der Weide. Nur in drei Wintermonaten leben sie im Stall, damit die Wiese nicht kaputt geht. Sie ernähren sich nur von Gras, im Winter füttert der Bauer sie zusätzlich mit Heu. „Das gehört zu den Grundvoraussetzungen.“ Industriefutter wird nicht verwendet. Sobald eines der Tiere zum Schlachten geeignet ist – etwa ab einem Alter von zwei Jahren –, benachrichtigen die Bauern Wilkens. Sie schaltet über ihre Webseite eine Verkaufsrunde frei. Interessierte können drei verschiedene Pakete erwerben. Sie kosten zwischen 120 und 200 Euro. Enthalten sind jeweils fünf Kilogramm Rindfleisch. „Aber nicht nur Filet“, sagt Wilkens. Auch Bratwürste, Hackfleisch, Brühe und eine Überraschung sind dabei. Die Runde schließt, wenn 40 Pakete verkauft sind – die Menge, die ein ausgewachsenes Tier bietet.

Es kam aber auch schon vor, dass Wilkens zu viele Pakete verkauft hat. „Dann musste ich an die Reserven eines Bio-Bauern.“ Mittlerweile hat sie auch einige Restaurants als Abnehmer. „Die nehmen dann so viel wie noch da ist.“ Über einen Online-Shop bietet sie Leder an, das von den Bio-Rindern stammt. Ihr Ziel ist, dort einen Grundstock mit haltbaren Rinder-Produkten anzubieten. Sie kann sich auch vorstellen, ihr Modell auf Schweine oder Hühner anzuwenden. „Aber das dauert noch.“

Bisher packte Wilkens die Pakete selbst, manchmal mithilfe von Freunden. „Dann standen wir einen Tag im Schlachthof und haben 40 Pakete zusammengepackt.“ In jedem ist ein individueller Brief an den Empfänger. Auch mit der Verpackung hat Wilkens experimentiert. „Ich kann ja kein Styropor nehmen“, sagt sie. Damit hätte sie ja ihren Ansatz untergraben. Sie probierte viel, entschied sich dann für ein Paket aus Hanf – also ein pflanzliches Produkt. Das isoliere gut und sei wiederverwendbar.

Rinder unterscheiden sich in Färsen (weiblich, nicht gekalbt), Kühe (w, gekalbt), Ochsen (männlich, kastriert) und Bullen (m). Wilkens vertreibt Fleisch, das im Dry-Aging-Verfahren reift. Dabei hängt das Fleisch über zwei bis vier Wochen ab und wird dann erst verpackt. Das Fleisch der Supermärkte reift feucht, wird direkt eingeschweißt. Es erhält dadurch einen leicht säuerlichen Geschmack. Wilkens glaubt, dass viele Verbraucher den normalen Geschmack des Fleisches gar nicht mehr kennen. „Sie haben sich dran gewöhnt.“ Das Fleisch, das sie anbietet, schmeckt anders. Besser, findet sie.

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