Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg „Ein sehr schwarzes Kapitel in der polnischen Geschichte“

Über die Bedeutung des Überfalls der Deutschen auf Polen für Historiker und über die neueste Forschung auf diesem Gebiet sprach Silke Hellwig mit Susanne Schattenber und Magdalena Waligórskavon der Forschungsstelle Osteuropa.
01.09.2014, 08:45
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Über die Bedeutung des Überfalls der Deutschen auf Polen für Historiker und über die neueste Forschung auf diesem Gebiet sprach Silke Hellwig mit Susanne Schattenberg, Professorin und Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa, und Magdalena Waligórska, Juniorprofessorin und Mitarbeiterin der Forschungsstelle.

Muss man dem 1. September 1939 einen besonderen Platz in der Geschichte des Nationalsozialismus einräumen?

Susanne Schattenberg: Mit dem Überfall auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg, aber dieses Datum und dieser Schritt reihen sich in eine Abfolge von dramatischen Ereignissen ein. Dem Überfall voran ging ja das Ende der parlamentarischen Demokratie, die Rassengesetze wurden verabschiedet, die Synagogen brannten. Aber für Polen ist der 1. September natürlich das entscheidende Datum.

Magdalena Waligórska: Welche Daten zu Symbolen des Zweiten Weltkriegs wurden, ist abhängig von den Erinnerungskulturen einzelner Nationen. Für die Amerikaner steht Pearl Harbour für den Zweiten Weltkrieg, für die Polen ist es der 1. September, denn damit beginnt das jüngste Kapitel der nationalen Geschichte des Leidens, das manchmal auch in eine Art Konkurrenz zum Holocaust gesehen wird. Ich gehöre zu der Generation, die im kommunistischen Polen aufgewachsen ist, wo wir mit dem Mythos des Zweiten Weltkriegs als heroischem Sieg sozialisiert worden sind. Am 1. September beginnt in Polen auch das neue Schuljahr. An diesem Tag wurden Kriegsveteranen in die Schulen eingeladen. Inzwischen gibt es stattdessen historische Nachstellungen, in denen Laienschauspieler, auch Schulkinder, Uniformen anziehen und an authentischen Orten Kriegsszenen wiederaufführen, zum Beispiel auf der Westerplatte. Der 1. August, der Beginn des Warschauer Aufstands, spielt in der nationalen Erinnerung inzwischen eine viel größere Rolle. Da haben die Polen noch mehr gelitten, aber auch ihre Heldenhaftigkeit unter Beweis gestellt.

Gab es irgendetwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist, bei den Schulbesuchen von Kriegsveteranen?

Waligórska: Ein Bild, das uns zum 1. September eingeprägt wurde, ist das der Kavallerie, die gegen Panzer in den Kampf zog. In der Familienerinnerung blieb die Geschichte meines Großvaters, auch Kavallerist, der nach dem Warschauer Aufstand als Kriegsgefangener über Bremen nach Sandbostel deportiert wurde, wobei er in Bremen fast umkam, als der Transport während eines Bombenangriffs auf den Bahnhof schutzlos stehen gelassen wurde. Daran muss ich immer denken, wenn ich am Bremer Bahnhof bin.

Gibt es neue Forschungserkenntnisse zum Überfall auf Polen unter Historikern?

Schattenberg: In den vergangenen Jahren gibt es einen starken Trend, sich vor allem mit den Folgen für die Bevölkerung zu befassen, abseits der großen politischen Fragen. Es gibt in der Forschung und Aufarbeitung eine Art Trennung zwischen den Historikern, die sich mit Deutschland und dem Nationalsozialismus befassen, und denen, die sich vor allem mit den Folgen für die Bevölkerung oder die einfachen Soldaten in Osteuropa beschäftigen – wozu man die entsprechenden Sprachen sprechen muss. Da fehlte es lange an Austausch, aber das wird langsam besser. Ein weiteres Thema ist Gewalt. Die Frage, der nachgegangen wird, ist: Entspringt Gewalt in erster Linie der Ideologie oder verrohen die Menschen in einem Krieg zwangsläufig?

Waligórska: Die neueste Forschung in Polen befasst sich mit Aspekten, die lange tabu waren: unter anderem mit der polnischen Mittäterschaft an antijüdischer Gewalt, darunter Pogrome und Morde während des Krieges und kurz danach, die Polen zu verantworten haben. Das ist ein sehr schwarzes Kapitel in der polnischen Geschichte und wurde lange nicht ergründet. Bis heute wird darüber sehr kontrovers diskutiert.

Wissen Sie, inwiefern Bremer Soldaten an dem Überfall beteiligt waren?

Schattenberg: Bremische Aspekte sind nicht unser Forschungsschwerpunkt, aber ich weiß, dass Bremer Soldaten dabei waren. Dazu zählte auch einer meiner entfernteren Verwandten, der ein Jahr später in Frankreich gefallen ist. Untersucht ist bekanntlich, dass Bremer Polizeibatallione an Judenmorden beteiligt waren, beispielsweise bei Minsk und bei Leningrad.

Der 1. September ging auch als ein Datum in die Geschichte ein, weil mit ihm eine Brutalität begann, die bis dahin unter zivilisierten Menschen als undenkbar galt.

Schattenberg: Das ist richtig. Es zeigte sich, dass mit der Bevölkerung in Polen und der Sowjetunion generell ganz anders umgegangen wurde als beispielsweise mit Menschen in Frankreich. Hitler führte den Krieg im Osten bekanntlich als Vernichtungskrieg: durch Deportation, Versklavung und Massenmord sollte Platz für „deutschen Lebensraum“ geschaffen werden. Gleichzeitig dienten die besetzten osteuropäischen Gebiete als Ort für den Mord an den europäischen Juden.

Gibt es deshalb noch Ressentiments in der polnischen Bevölkerung?

Waligórska: Offiziell haben sich die Länder schon vor Jahrzehnten versöhnt, aber es gibt noch starke Ressentiments. Polen ist, was seine Geschichte betrifft, sehr auf den Zweiten Weltkrieg fixiert. Er steht bis heute für polnischen Widerstand und Heroismus. Daran wird umso mehr festgehalten, als die dunklen Seiten dieser Jahre ans Licht kommen.

Haben die Polen Frankreich und Großbritannien verziehen, die sich damals nicht stärker für Polen eingesetzt haben?

Waligórska: Enttäuschung über das Verhalten der Verbündeten Frankreich und Großbritannien, und später die Entscheidungen der Alliierten in Jalta sind noch lange als Trauma im polnischen kollektiven Gedächtnis geblieben. Man muss das Verhalten aber im Spiegel seiner Zeit sehen. Die Nationen wollten 1939 unbedingt einen weiteren Krieg vermeiden, nachdem der Erste Weltkrieg so viel Leid über die Menschen gebracht hatte.

Schattenberg: Man darf auch nicht vergessen, dass unvorstellbar schien, was sich von 1933 an entwickelte. Heute ist uns klar, wozu Hitler fähig war. Damals konnte man nicht glauben, wozu er in der Lage war.

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