Umstrittene Ausstellung über Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948 ist in der Zentralbibliothek zu sehen

Eindeutig einseitig

„Nakba“ ist arabisch und bedeutet auf Deutsch „Katastrophe“ oder „Unglück“. So bezeichnen die Palästinenser seit 1948 ihre Vertreibung aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Eine Ausstellung zu dem Thema macht nun in Bremen Station – die Organisatoren leugnen dabei nicht, dass es sich um eine einseitige Sichtweise handelt. Das aber stellt ein Problem dar.
19.02.2015, 00:00
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Eindeutig einseitig
Von Iris Hetscher

„Nakba“ ist arabisch und bedeutet auf Deutsch „Katastrophe“ oder „Unglück“. So bezeichnen die Palästinenser seit 1948 ihre Vertreibung aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Eine Ausstellung zu dem Thema macht nun in Bremen Station – die Organisatoren leugnen dabei nicht, dass es sich um eine einseitige Sichtweise handelt. Das aber stellt ein Problem dar.

Kann diese Geschichte überhaupt objektiv und ohne mit von beiden Seiten sofort zielstrebig heruntergeklapptem Visier erzählt werden? Israel auf der einen Seite, das über mehrere Staaten verstreute palästinensische Volk auf der anderen. Immer wieder Krieg, immer wieder Anschläge, Demütigungen, Angst, Resignation. Dazwischen: Schüchterne Bemühungen um ein friedliches Nebeneinander. Zuverlässig schnell zerbombt von der nächsten Hamas-Attacke oder einem Angriff der israelischen Armee auf Ziele im Gazastreifen. Der Graben ist tief zwischen den beiden Völkern, oft mutet er unüberwindbar an.

Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass die seit 2004 durch Deutschland tourende Geschichts-Ausstellung „Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser“, bis zum 17. März in der Zentralbibliothek zu sehen, umstritten ist. Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, die sie nach Bremen geholt hat, bestreitet denn auch nicht, dass es sich um eine einseitige Darstellung handelt. Die Flucht von geschätzten 370 000 Palästinensern nach der Gründung des Staates Israel 1948 werde aus Sicht der Palästinenser und nicht „in allen Facetten“ aufgezeigt, so Mitorganisator Detlef Griesche. Falsch dargestellt sei aber nichts, betont er.

Das genau ist heikel, denn die Richtigkeit einiger Fakten bezweifelt die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Bremen. Deshalb gibt es nicht nur die 13 Tafeln der „Nakba“-Ausstellung zu sehen, sondern zudem zwei ergänzende Aufsteller mit einer Stellungnahme der DIG. Diese wiederum hat prompt eine Erwiderung der Ausstellungsmacher provoziert: Eine Organisation namens „Flüchlingskinder im Libanon e.V.“ mit Sitz in Pfullingen in Baden-Württemberg weist die DIG-Vorwürfe zurück. Dieses Hickhack zeigt einmal mehr, wie hoch aufgeladen das Thema nicht nur politisch, sondern auch emotional ist. Und zwar nicht nur im Nahen Osten.

Für den durchschnittlich informierten Besucher der Ausstellung muss allein dies notwendig den Erkenntniswert schmälern. Denn wer sich eine Schau über geschichtliche Zusammenhänge anschaut, erwartet einen Überblick, auf dessen Wahrhaftigkeitsgehalt er vertrauen kann. Dieser Überblick kann dabei durchaus unterschiedliche Auffassungen von Geschichtsschreibung beinhalten, wenn sie denn innerhalb der Ausstellung einander gegenüber gestellt werden. Es kann nie schaden, es den Besuchern selbst zu überlassen, zu welcher Schlussfolgerung sie kommen wollen.

Das allerdings will die „Nakba“-Ausstellung ausdrücklich nicht, macht sich dadurch angreifbar und schadet letztlich ihrem Anliegen mehr als dass sie ihm nutzt. Dabei hat die Schau eine Menge zu bieten und zwar ohne polemisch zu werden. Akribisch aufbereitete Texte, Zitate und Tabellen schildern die Historie von Juden und Palästinensern auf dem vom Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten umschlossenen Land von 1917 bis heute. Das Leid, aber auch die vielfältige Kultur der Palästinenser sind ebenfalls Thema. Die Ausstellung blättert zudem die verschiedenen Einwanderungswellen der Juden („Alijah“) auf, beschreibt das Verhalten der britischen Mandatsmacht, die Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 und die Kriegserklärung der arabischen Liga nur einen Tag später – was der Auftakt zu blutigen Auseinandersetzungen und letztlich der „Nakba“ war. Diese Kriegserklärung und der folgende Überfall der arabischen Staaten auf Israel ist in der Ausstellung fast lapidar verzeichnet – spätestens hier wäre es dringend geboten gewesen, die israelische Sichtweise ergänzend darzustellen. Khouloud Daibes, Botschafterin der Palästinensischen Mission in Berlin, verteidigt solche ideologischen Untertöne der Ausstellung: „Die palästinensische Identität ist mittlerweile die des Flüchtlings. Nach 66 Jahren sind mehr als 45 Prozent der Menschen heimatlos, darauf macht die Ausstellung aufmerksam“. Nur auf diese Art könne es gelingen, die Geschichte aufzuarbeiten – immerhin hätten auch israelische Historiker wie (der allerdings umstrittene) Ilan Pappe daran mitgewirkt. Daibes, die gestern Abend zur Ausstellungseröffnung angereist war, setzt zudem auf das umfangreiche Rahmenprogramm: „Ich hoffe, dass es zu einem Dialog auch mit den Kritikern kommt.“

„Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, bis 17. März, Zentralbibliothek Bremen, Wall-Saal

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