Bremen Eine 288-seitige Bewerbungsmappe

Berlin. Auf Seite 258 wird der ganze Robert Habeck sichtbar. „Es mag Politiker geben, die ihre Karriere bis zum Letzten strategisch durchplanen, die immer kontrolliert sind, jede Rede einüben und keine Geste machen, deren mediale Auswirkungen nicht bis zum Letzten durchdacht sind“, schreibt er.
11.09.2016, 00:00
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Eine 288-seitige Bewerbungsmappe
Von Markus Decker

Berlin. Auf Seite 258 wird der ganze Robert Habeck sichtbar. „Es mag Politiker geben, die ihre Karriere bis zum Letzten strategisch durchplanen, die immer kontrolliert sind, jede Rede einüben und keine Geste machen, deren mediale Auswirkungen nicht bis zum Letzten durchdacht sind“, schreibt er. „Ich bin das nicht.“ Und darum sei die Erklärung, Spitzenkandidat werden zu wollen, „genauso“ gewesen, „wie sie aussah: zu früh, zu unvorbereitet, zu untaktisch.“ Einerseits. Andererseits: „Vielleicht macht sie gerade das aus.“ Vielleicht, soll das heißen, ist gerade dies das Tolle daran – sprich: das Tolle an mir.

Habeck trat 2002 den Grünen bei, wurde 2004 Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, 2009 Fraktionsvorsitzender im Landtag, 2012 Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident. Dabei wirkt es bisweilen, als sei der studierte Philosoph, dem politische Niederlagen fremd sind, in diese Karriere irgendwie hineingestolpert. Im Mai 2015 bewarb sich der Vater von vier Söhnen um das Amt des Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl 2017. Und weil er bei der Urwahl mit dem Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Fraktionschef Anton Hofreiter weitaus bekanntere Konkurrenten hat, macht er sein soeben erschienenes Buch „Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich“ zu einer Art Bewerbungsmappe.

Der Untertitel „Die Politik und ich“ ist wörtlich zu nehmen. Denn anhand biografischer Grunddaten entwickelt Habeck eine kleine Philosophie seines Engagements. Darin tauchen die Interrail-Reise durch Europa ebenso auf wie der Zivildienst mit Behinderten, und die Rolle als Schriftsteller und Familienmensch, der eines Tages als Parteiloser zu einer grünen Mitgliederversammlung stapft und mit Parteibuch sowie mangels anderer Interessenten als Kreisvorsitzender heimkehrt. Das Fazit ex post lautet: „Die Leitmotive waren wohl von Anfang an Freiheit und Selbstbestimmung.“ Große Teile des Essays sind jedenfalls der manchmal liebenswürdig chaotische Versuch, auf verschiedenen Themenfeldern den Raum zwischen Idealismus und Realismus zu vermessen. Der Autor präsentiert sich formal als Freak, um inhaltlich stets pragmatisch zu enden.

Fragt sich aus der Sicht grüner Parteimitglieder bloß, welchen Spitzenkandidaten sie bekämen, wenn sie genau diesen wählen würden. Die Antwort: eher einen bürgerlichen. Zwar bemüht Habeck auf Seite 177 den Pluralis Majestatis: „Wir als politische Linke.“ Am 2005 endenden Pakt Schröder/Fischer lässt er freilich kein gutes Haar. Von einem Steuererhöhungswahlkampf wie 2013 will er nichts wissen. Und überhaupt: „Grüne Eigenständigkeit meint für mich etwas anderes, als nur offen für ein Bündnis mit der CDU zu sein. Es meint, dass die Grünen sich trauen müssen, die Sozialdemokratie als fortschrittsprägende Kraft abzulösen und die CDU herauszufordern.“ Schon 2008 in Hamburg sei „Schwarz-Grün ein spannendes Experiment“ gewesen, „das jede Neugier rechtfertigte“, notiert der Kandidat. Keineswegs zufällig bekommt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann denn auch ein dickes Lob ab, während die meisten Parteifreunde unerwähnt bleiben.

Im grünen Kontext mutig ist schließlich das indirekte Plädoyer für eine Flüchtlingsobergrenze. Das könnte auf dem linken Flügel Stimmen kosten. Doch dem Bewerber ist das egal. Man müsse es nämlich, findet er ganz prinzipiell, „vielleicht einfach mal sein lassen mit dem Lavieren“. In einem Wahlkampf geht es Robert Habeck zufolge übrigens „nur um eines: das sogenannte Momentum zu haben, den Kraftimpuls, der die Bewegungsrichtung vorgibt“. Zuletzt schien es, als habe Özdemir das Momentum wegen des Türkei-Konflikts und der großen Bedeutung des Themas Islam auf seiner Seite – gegen Mitbewerber, die zuallererst Umweltpolitiker sind. Der grüne Aspirant aus Kiel versucht nun, sich das Momentum mit seinem Buch zurückzuholen. Leicht wird dies nicht.

Robert Habeck: „Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich“, KiWi-Paperback, 288 S., 14,99 Euro
Kampf um Spitzenkandidatur eröffnet Fünf Anwärter auf die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2017 präsentierten sich am Sonnabend den Delegierten eines kleinen Parteitags der Grünen in Berlin. Dabei rief Parteichef Cem Özdemir dazu auf, sich nicht in „irrsinnige Flügeldebatten“ zu verstricken, sondern geschlossen aufzutreten. Er konkurriert mit Bundestags-Fraktionschef Anton Hofreiter und Robert Habeck. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte wie Özdemir, „bis zum Wahltag 2017“ als eigenständige Partei um Stimmen zu werben. Göring-Eckardt ist die einzige weibliche Bewerberin auf einen Platz im Spitzenduo, die bereits das notwendige Votum eines Kreis- oder Landesverbands hat. Konkurrenz will ihr die Brandenburger Kommunalpolitikerin Sonja Karas machen, die ebenfalls sprechen wollte, aber überraschend doch nicht auftrat. Ihre Bewerbung hatte Karas erst zwei Tage zuvor eingereicht.
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