Eine Explosion wie ein Erdbeben

Wann endet das alles?“, fragen verzweifelte Einwohner in Kabul. Vor den Krankenhäusern hatten sich Hunderte versammelt, um nach Angehörigen zu suchen.
01.06.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Agnes Tandler

Wann endet das alles?“, fragen verzweifelte Einwohner in Kabul. Vor den Krankenhäusern hatten sich Hunderte versammelt, um nach Angehörigen zu suchen. Die Explosion, die mitten im dichten Morgenverkehr die afghanische Hauptstadt erschütterte, war so heftig gewesen, dass viele Menschen zunächst an ein Erdbeben glaubten. Der Terroranschlag im streng gesicherten Diplomatenviertel Wazir Akbar Khan, nur einige hundert Meter von der deutschen Botschaft entfernt, tötete mindestens 90 Menschen und verletzte rund 460. Unter den Todesopfern ist auch ein afghanischer Wachmann der deutschen Botschaft; einige Mitarbeiter wurden nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin verletzt.

Gegen 8.30 Ortszeit detonierte ein in einem Tanklaster versteckter Sprengsatz am Zanaq-Platz, in dessen Nähe auch zahlreiche andere diplomatische Vertretungen, der Präsidentenpalast, das Nato-Hauptquartier und ein Krankenhaus liegen. Zahlreiche Botschaften wurden durch die Explosion zum Teil schwer beschädigt. Das brutale Attentat zeigt erneut, wie prekär nach fast 16 Jahren Krieg die Sicherheitslage am Hindukusch ist und dass es in Afghanistan keine sicheren Gebiete gibt, wenn selbst Botschaftsangehörige hinter vier Meter hohen Mauern und Explosionsschutzwänden nicht sicher sind.

Der Anschlag ist einer der schwersten in Kabul seit Ende der Nato-Kampfmission 2014. Wer hinter dem Anschlag steckt, war am Mittwochnachmittag noch unklar. Ein Sprecher der aufständischen Taliban bestritt jede Verantwortung. Ob die Terrormiliz Daesch das Attentat ausgeführt hat, stand ebenso nicht fest.

Afghanistans Sicherheitsdebakel ist das Resultat von gleich drei politischen Krisen: Erstens die schwelende innenpolitische Krise in Kabul, zweitens die Krise zwischen Afghanistan und seinen Nachbarn, und drittens der Konflikt zwischen den Taliban und der Regierung. Die schwache und korrupte Führung in Kabul unter Präsident Aschraf Ghani, die vom Westen gestützt wird, ist Wasser auf die Mühlen der Aufständischen. Afghanistans Beziehungen mit dem Nachbarland Pakistan liegen im Argen. Der islamische Nachbar gewährt seit 2002 den Taliban und anderen islamischen Terrororganisationen Zuflucht, um sich so Einfluss in Afghanistan zu sichern. Ein Ende dieser Politik ist nicht in Sicht.

Auch die Beziehungen zwischen Afghanistan und den wichtigen Regionalmächten Iran und Russland sind angespannt. Doch ohne deren Mitwirkung ist das Land kaum dauerhaft zu stabilisieren. Im Gegenteil, es zeichnet sich eine neue Front zwischen den USA und Russland in Afghanistan ab – diesmal mit umgekehrten Vorzeichen als in den 1980er-Jahren. Russland sucht die Nähe zu den aufständischen Taliban, ihre früheren Kriegsgegner, während die USA die Regierung in Kabul stützen. Der Westen sieht das neue Engagement Russlands in Afghanistan kritisch. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise darauf, dass die USA unter Präsident Donald Trump ihre Truppen in Afghanistan wieder aktiv am Kampf gegen die Taliban beteiligen wollen.

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