Kommentar über die Wahl in Großbritannien Eine historische Wahl mit unkalkulierbarem Ausgang

Wer gewinnt die Wahl im Königreich - Premier Boris Johnson oder der Altlinke Jeremy Corbyn? Keine der beiden Optionen löst bei den Briten Enthusiasmus aus, analysiert Katrin Pribyl.
09.12.2019, 19:57
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Eine historische Wahl mit unkalkulierbarem Ausgang
Von Katrin Pribyl

Nach der letzten TV-Debatte zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn wandten sich sofort alle Blicke in Richtung Umfragen. Wer hatte das Duell am Freitagabend zwischen dem konservativen Premier und dem Labour-Chef „im Kampf um Nummer zehn“ gewonnen?

Das Resultat kam den Zuschauern bekannt vor: 52 Prozent empfanden Johnson als besser, 48 Prozent der Befragten betrachteten Corbyn als Sieger. Großbritannien scheint wie mit einem Fluch belegt. Nicht nur, dass die vorherige Debatte mehr oder minder genauso ausging. Das Ergebnis erinnert vor allem an das EU-Referendum von 2016, bei dem sich 52 Prozent der Wähler für den Austritt aussprachen, während 48 Prozent in der EU bleiben wollten.

Seitdem dominiert das Brexit-Votum die Politik im Königreich. Nach dem Wunsch von Johnson soll das Thema nun endlich erledigt werden. „Lasst uns den Brexit durchziehen“, lautet sein Motto. Während des Fernseh-Duells hat er es gleich dreizehnmal untergebracht. Es verfängt bei den Brexit-müden Briten, die das Wort mit dem großen „B“ nicht mehr hören können. Die Ungeduld könnte sich als fatal herausstellen. Johnson will das Land zum 31. Januar aus der EU führen, dann bis zum Ende der Übergangsphase im Dezember 2020 ein Handelsabkommen mit der Union vereinbaren.

Das wird jedoch von Experten, auch auf Seiten Brüssels, als völlig unrealistisches Ziel eingestuft. Abermals würde das Damoklesschwert „No Deal“ über dem Königreich schweben. Corbyn dagegen hat im Falle eines Wahlsiegs ein zweites Referendum versprochen, bei dem er sich neutral verhalten würde. Nicht nur dieser Schlingerkurs sorgt für Missstimmung bei Labour. Insbesondere die Antisemitismusvorwürfe gegen seine Partei und Corbyns Umgang mit den Anschuldigungen verfolgen den Altlinken und schrecken zu Recht etliche Wähler ab. Welcher Kandidat ist weniger schlimm? Keine der Optionen löst im Großteil des frustrierten und tief gespaltenen Volkes Enthusiasmus aus.

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Während der 70-Jährige bei seiner letzten Chance vor großem Publikum anständig, ruhig und handzahm seine Lösungsvorschläge mit Argumenten zu untermauern versucht, spult Johnson seine populistischen Parolen in Trump-Manier herunter. Mit Details hält sich der Premier nicht auf. Genauen Überprüfungen seiner Wahlversprechen weicht er aus, kritischen Journalisten stellt er sich nicht. Warum auch? Die meisten seiner Ankündigungen und angeblichen Erfolge würden als Luftnummern entlarvt. So wird der Premier etwa dafür gefeiert, dass er der EU durch seine angebliche Brillanz einen Deal abgerungen habe. Geschenkt, dass er vielmehr eingeknickt ist und eine rote Linie für die Unionisten in Nordirland überschritten hat.

Johnson brach sein Versprechen, indem er einer De-Facto-Zollgrenze in der Irischen See zustimmte. Geleakte Regierungsdokumente, nach denen Waren aus dem Landesteil Nordirland nach dem Brexit kontrolliert werden müssten, bestätigen das. Johnson bezeichnete die Papiere – im gewohnten Kampagnenmodus – als falsch. Er kommt mit den Lügen zumindest in der Blase seiner Anhänger durch. Die Frage bleibt, weshalb Corbyn den Premier nicht stärker für die Sparpolitik der letzten zehn Jahre attackiert hat. Warum hat er ihn nicht mit dessen Halbwahrheiten konfrontiert?

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Es wäre ein Leichtes gewesen. Doch bei vielen Briten scheinen Wahrheiten unerwünscht. Johnson sei „smart und lustig“, ist immer wieder von seinen „Cheerleadern“ zu hören. Es zeugt von der Sturheit, politische Realitäten zu akzeptieren. Am Wochenende prognostizierte Johnson einen Baby-Boom nach dem Brexit. Seine Anhänger feixen über so viel Optimismus, die Kritiker raufen sich die Haare. Sie rufen zum taktischen Wählen auf, um eine parlamentarische Hängepartie herbeizuführen und Johnson so von der Regierung fernzuhalten.

Die Umfragen deuten seit Wochen eine absolute Mehrheit für die Konservativen an. Labour hat hingegen kaum Aussichten auf einen Sieg, könnte nur mit der Hilfe von kleineren Parteien wie den Liberaldemokraten und der Schottischen Nationalpartei eine Minderheitsregierung bilden. Schaut das Land kurz vor der Abstimmung in den Abgrund, wie es der „Observer“ formulierte? Die Zustandsbeschreibung klingt düster und wenig hoffnungsvoll. Es ist deshalb kaum überraschend, dass sich viele Briten auch wenige Tage vor dem historischen Urnengang unentschlossen zeigen. Das macht diese Wahl, die den künftigen Kurs des Landes so stark bestimmen wird wie kaum eine zuvor, völlig unberechenbar – allen Umfragen zum Trotz.

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