Deutsch-irakische Organisation „Wadi“ bietet Hilfe an Eine Tagesstätte für Jesidinnen

„Sie schossen auf uns, wir standen Auge in Auge mit ihnen.“ Die 26-jährige Jesidin Linda Dohuk.
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Eine Tagesstätte für Jesidinnen
Von Birgit Svensson

„Wir wussten sofort, dass es Daesh war.“ Die ganze Nacht über habe es Kämpfe gegeben, erzählt die in ein schwarzes Kostüm gekleidete Jesidin Linda. Wie ein Lauffeuer hätte es sich an jenem 3. August 2014 bei den 40 000 Einwohnern der Stadt Sinjar herumgesprochen, dass die Dschihadisten anrückten. Lindas Vater schickte vorab die kleineren Geschwister in die Berge, er selbst lud das wenige Hab und Gut auf sein Auto, um schließlich mit der Familie zu fliehen. Doch das Fahrzeug blieb auf halber Strecke stehen. Das Benzin war alle. „Sie schossen auf uns, wir standen Auge in Auge mit ihnen.“ Sieben Tage lang saßen die 26-jährige Linda und ihre Geschwister in den Sinjar-Bergen fest. Die Eltern gingen zu Fuß über Syrien in den Irak, als die PKK-Guerillakämpfer einen Korridor für sie freikämpften. Ein Onkel holte die Kinder dann schließlich mit einem Auto ab. Jetzt leben sie in dem Rohbau eines unfertigen Hauses in Dohuk, in der Nähe eines Flüchtlingslagers. 85 ihrer Familienmitglieder sind bei dem Drama um Sinjar ums Leben gekommen. Offiziere der kurdischen Peschmerga-Truppen, die die Stadt jetzt kontrollieren, haben bereits fünf Massengräber mit jeweils zwischen 100 und 200 getöteten Jesiden gefunden.

Sie wirken gelöst, manche sogar fröhlich. Auch eine gewisse Ausgelassenheit, mit der andere junge Frauen und Mädchen im kurdischen Norden des Irak ansonsten auffallen, stellt sich langsam ein. Manche zögern noch, fangen aber dann doch an ihre Erlebnisse zu erzählen. Nur wenige bleiben gänzlich stumm und in sich versunken. Dabei haben sie alle Schreckliches erlebt: 19 Frauen und Mädchen aus Sinjar, der Jesidenstadt nahe der syrischen Grenze, die Daesh unter seine Kontrolle brachte und die vor kurzem befreit wurde. „Jinda“ heißt die Tagesstätte, in der die Frauen sich befinden. Das kurdische Wort bedeutet so viel wie Wiedergeburt. Seit Juli kommen täglich bis zu 30 Jesidinnen in das versteckt liegende Zentrum in Dohuk. Morgens werden sie mit einem Kleinbus aus den Flüchtlingslagern abgeholt und abends wieder dorthin zurückgebracht. „Hier können sie sich ausruhen, können mit ihresgleichen zusammen sein, sich austauschen“, sagt Cheman Rasheed Abdulaziz, die Leiterin der Tagessstätte. „Hier finden sie vielleicht ein neues Leben.“

Abdulaziz und ihre deutsch-irakische Organisation „Wadi“ bieten den Frauen Kurse zum Nähen, für Handarbeiten und Haarschneiden an, vermitteln Psychotherapie, zeigen ihnen Filme von anderen Frauen in anderen Ländern, die das gleiche Schicksal erlitten haben. „Damit sie merken, dass sie damit nicht alleine sind“, begründet die stämmige, mütterliche Cheman die Maßnahme. Besonders die ersten Schritte zum Erlernen des Friseurhandwerks seien gefragt. Die Frauen wollen kleine Friseurläden im Camp aufmachen, wo sie untergebracht sind. Überhaupt wollten mehr und mehr Jesidinnen arbeiten, um sich und die Familie zu ernähren, obwohl das mit der konservativen Lebensweise ihrer Volksgruppe eigentlich nicht vereinbar ist. Aber die Grausamkeiten der Daesh-Kämpfer haben die Jesiden von Grund auf verändert.

Sie seien aus Pakistan und Afghanistan gewesen, erzählen die Mädchen. Sie hätten verlangt, dass sie zum Islam konvertierten. „Wer nicht wollte, wurde verschleppt.“ Danach wurde aussortiert. Nach Mossul kamen diejenigen, die für Jungfrauen gehalten wurden. Für eine Heirat mit ihnen bezahlten die Gotteskrieger einen hohen Preis. In ihrer Not hätten manche dann gesagt, sie seien schon verheiratet und hätten Kinder. „Eine Ärztin hat dann Tests durchgeführt. Als herauskam, dass wir gelogen hatten, wurden sie wütend und haben uns geschlagen.“ 842 Frauen und Mädchen konnten inzwischen aus der Gefangenschaft entkommen, über 600 von ihnen hat „Wadi“ bereits betreut. Doch noch immer sitzen mehr als 2000 irgendwo im Kalifat fest, dem Dschihadistenstaat zwischen Syrien und dem Irak. Zurück nach Sinjar will derzeit keines der Mädchen. Die Zerstörung ihrer Stadt mache ein Leben dort unmöglich. Außerdem herrscht großes Misstrauen über die Stabilität der Rückeroberung. „Sollte Daesh zurückkommen, geht alles wieder von vorne los“, befürchten die Mädchen.

Noch immer sind 3,19 Millionen Menschen innerhalb Iraks auf der Flucht vor Daesh. Wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilt, bezieht sich diese Zahl auf den Zeitraum Januar 2014 bis Anfang Dezember 2015. Der diesjährige frühe Wintereinbruch macht die Lage besonders prekär. Für diejenigen, die wie Linda in Rohbauten ohne Heizung und Warmwasser untergekommen sind, ist es fast unmöglich dort zu bleiben. Doch die finanziellen Mittel sind beschränkt. Für winterfeste Container fehlt das Geld.

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