Kommentar über Margot Käßmann

Eine überschätzte Bischöfin der Herzen

Bei aller berechtigten Kritik wird man Margot Käßmann zu Gute halten müssen, über viele Jahre hinweg eine wahrnehmbare Stimme des deutschen Protestantismus gewesen zu sein, urteilt Benjamin Lassiwe.
29.06.2018, 17:16
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Von Benjamin Lassiwe
Eine überschätzte Bischöfin der Herzen

Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein...“, sangen die Menschen. „Komm, sag es allen weiter: Frau Käßmann soll es sein.“ Es war eine bizarre Szene, damals in Hannover, Ende Mai 2010. Vor der altehrwürdigen Marktkirche standen Menschen mit selbst gebastelten Plakaten, auf ihnen prangte das Foto von Margot Käßmann. Sie demonstrierten für eine zweite Amtszeit der Theologin, die nach einer Alkoholfahrt im Dienst-Phaeton drei Monate zuvor von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten war. Die Szene vor der Marktkirche, in der Käßmann am Sonnabend in ihren Ruhestand verabschiedet werden soll, ist bezeichnend. Keine andere Theologin, kein anderer Theologe im deutschen Protestantismus verfügt über eine solche Volksnähe wie Margot Käßmann.
Auch heute noch kann die einst jüngste Bischöfin Deutschlands die Messehallen von Kirchentagen füllen. Gibt es irgendwo im Land einen Gottesdienst oder eine Lesung mit ihr, sind die Gotteshäuser voll. Vor allem Frauen in mittlerem Alter stehen dann Schlange. Margot Käßmann hat es Zeit ihres Lebens verstanden, die biblische Botschaft in einfachen Worten den Menschen nahezubringen. Die Küsterin, die am Sonntag die Blumen auf den Altar der Kirche stellt, oder der Friseur, der wie ihre Töchter immer wieder in ihren Predigten auftauchte – das war Käßmanns Zielgruppe. Offen sprach die Theologin über Lebenskrisen: die Scheidung, den Brustkrebs. Das machte sie zu „einer von uns“, der „Bischöfin der Herzen“.
Doch schaut man auf die Bilanz von Käßmann als Bischöfin, auf die wenigen Monate, in denen sie Ratsvorsitzende der EKD war, oder auch auf die Zeit als Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017, zeigt sich auch ein anderes Bild. Dann zeigt sich, dass man Käßmann wohl mit Fug und Recht auch als die meisten überschätzte Persönlichkeit des deutschen Protestantismus bezeichnen kann. Was nach außen oft wie symbolhaftes Handeln wirkte, kam bei näherem Nachbohren oft schlicht aus dem Bauch heraus. Unüberlegt und provokativ etwa war die Aussage „Nichts ist gut in Afghanistan“, mit der die damalige Ratsvorsitzende der EKD in ihren Neujahrspredigten 2010 für Aufsehen sorgte. Tatsächlich hatte sich gerade damals manches gebessert in Afghanistan. Das haben auch manche ihrer Weggefährten erkannt.
Als der Hannoversche Synodenpräsident Jürgen Schneider Margot Käßmann nach ihrem Rücktritt im Juni 2010 verabschiedete, würdigte er die Theologin nicht nur für das junge und frische Gesicht, das sie der Landeskirche gab. Gelegentlich sei die Theologin aber auch spontan und schnell vorausgeeilt, „dass nicht alle mitkommen konnten“. Was nicht unbedingt ein Kennzeichen guter Kirchenleitung ist. Auch als Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 bewirkte Käßmann nicht sonderlich viel: Dass die Feierlichkeiten in Wittenberg nicht sonderlich stark besucht waren, und die Aufmerksamkeit für das Jubiläum über weite Teile des Festjahres hinweg nicht das Maß erreichte, das sich die EKD einst wünschte, lag auch an der Theologin – deren Aufgabe es war, die ganze Breite der Gesellschaft für das Jubiläum zu begeistern. Stattdessen unternahm sie eine überflüssige Dienstreise auf die Chatham-Inseln im Südpazifik, um dort den ersten Sonnenaufgang des Jahres 2017 zu begrüßen.
Doch insgesamt war die Durchschlagskraft einer Margot Käßmann im vergangenen Jahr wesentlich geringer, als sie es früher war: Denn als die Bischöfin einst die Kampagne „Advent ist im Dezember“ startete, um gegen den immer früheren Verkauf von Lebkuchen zu protestieren, sorgte das bundesweit für Aufsehen. Auch für die Rolle der Frauen in der Evangelischen Kirche hat Käßmann viel bewirkt: Die Theologin war die erste Frau an der Spitze des Rates der EKD, erste Bischöfin in der Geschichte der Hannoverschen Landeskirche, die zweite Bischöfin in Deutschland überhaupt. Dass Geschlechterfragen vor einer Wahl kaum noch eine Rolle spielen, ist der klare Verdienst von Käßmann, die dazu beitrug, dass die Existenz evangelischer Bischöfinnen zur Normalität wurde, auch wenn ihre Zahl bis heute ausbaufähig bleibt.
Für ihren Ruhestand jedenfalls hat Käßmann angedeutet, die Zahl ihrer öffentlichen Auftritte deutlich zu reduzieren. Ihre Fans wird das enttäuschen. Andere wird es freuen. Doch bei aller berechtigten Kritik wird man der Theologin zu Gute halten müssen, über viele Jahre hinweg eine wichtige, weil wahrnehmbare Stimme des deutschen Protestantismus gewesen zu sein. Und zwar eine Stimme, die es auszeichnete, dass man sich an ihr auch trefflich reiben konnte.

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