EKD-Ratsvorsitzender im Interview

„Die Frage der Kommunikation ist ganz entscheidend“

Benjamin Lassiwe hat mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm über Pfingsten, die Digitalisierung und die Folgen der Corona-Krise für die Kirche gesprochen.
31.05.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Benjamin Lassiwe
„Die Frage der Kommunikation ist ganz entscheidend“

Die Taube gilt als Symbol des Heiligen Geistes. In der kirchlichen Tradition steht sie für das Pfingstwunder.

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Bischof Bedford-Strohm, was bedeutet Ihnen das Pfingstfest?

Heinrich Bedford-Strohm: Das Pfingstfest ist für mich ein ganz besonderes Fest. Denn gerade jetzt, in diesen Corona-Tagen, ist die Frage der Kommunikation, die in der Pfingstgeschichte im Mittelpunkt steht, doch ganz entscheidend. Wie können wir miteinander kommunizieren, wo sich die Lebenswelten auseinanderentwickeln, wo vielfach Schweigen herrscht?

Da ist die Pfingstvision ungeheuer stark: An Pfingsten kommen Menschen zusammen, jeder spricht seine eigene Sprache, aber alle verstehen sich trotzdem. Das ist die unglaubliche Pfingstveränderung, die die Jünger erlebt haben: Die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Menschen. Und es betrifft alle: Die Jungen und die Alten, die Mägde und Knechte. Auch die Menschen am Rande der Gesellschaft werden in der biblischen Erzählung als Teil der Vielfalt genannt.

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Das Pfingstfest wird in diesem Jahr zum ersten Mal unter Corona-Bedingungen gefeiert. Wie wird das sein?

Wir werden auch unter diesen Bedingungen ganz viel von der Kraft des Heiligen Geistes spüren, auch wenn wir weiter auf die Begrenzungen achten müssen, die es derzeit für Gottesdienste nun einmal gibt. Wir werden allenfalls mit Gesichtsmasken singen können, die für den Schutz beim Gesang besonders wichtig sind. Und wir müssen auf Abstandsregeln und viele andere Dinge achten. Das wird auch weiterhin schmerzlich sein. Aber auch jetzt schon ist deutlich geworden, dass der Geist Gottes über Abstände hinweg wirkt.

Auch die zwei Meter zwischen den Gottesdienstbesuchern können den Pfingstgeist nicht bremsen, und bei Open-Air-Gottesdiensten ist es genau dasselbe. Dass der Geist Gottes die Gemeinschaft zwischen den Menschen unter unterschiedlichen Bedingungen trotzdem schaffen kann, ist für die Pfingstgottesdienste von besonderer Bedeutung.

Viele Christen bedauern, dass in Gottesdiensten nicht mehr gesungen werden darf ...

Bestimmte Formen des Gesangs sind auch heute möglich – aber das ist von Bundesland zu Bundesland und von Landeskirche zu Landeskirche verschieden. Es ist unbefriedigend, dass die Bedingungen da nicht überall gleich sind. Als Kirche setzen wir uns dafür ein, dass auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen Lockerungen erreicht werden. Das ist kontinuierlich in vielen Hintergrundgesprächen ein Thema. Aber die Lockerungen dürfen nicht zu Lasten des Gesundheitsschutzes erreicht werden. Das ist ein Gebot der Nächstenliebe. Aber wenn wir Dinge guten Gewissens verantworten können, wollen wir auch erreichen, dass sie wieder möglich werden.

Was heißt das denn konkret?

Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass dort wo Masken getragen werden, die Übertragung von Viren über Aerosole sehr stark begrenzt wird. Deswegen gibt es berechtigte Hoffnung, dass das Singen unter den Masken und bei strikter Einhaltung von Abständen in den nächsten Monaten wieder möglich werden könnte. Darüber sind wir jedenfalls im Gespräch mit denen, die Verantwortung ­tragen. Wir wollen Sicherheit haben, welche Informationen verlässlich sind und dann ­handeln.

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Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat an Ostern hinter einer Plexiglasscheibe die Kommunion verteilt. Halten Sie so etwas für das evangelische Abendmahl für denkbar?

Wir haben eine etwas andere Situation: Als evangelische Christen sind wir davon überzeugt, dass Christus auch im Wort in der ganzen Fülle unter uns sein kann. Das Abendmahl ist wichtig, aber wir können auch kraftvolle Gottesdienste ohne Abendmahl feiern. Bei uns ist es jeder Kirchengemeinde überlassen, welche Entscheidung sie da trifft. Ob sie sagt, wir wollen das Abendmahl – mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen – auch jetzt schon feiern. Oder ob sie sagt, wir warten noch ­etwas.

Wie hält es Heinrich Bedford-Strohm?

Ich habe seit Beginn der Corona-Krise noch kein Abendmahl gefeiert. Auch in meinem Pfingstgottesdienst werde ich darauf verzichten. Wir werden aber wie schon in der Osternacht eine Erinnerungsfeier machen: Brot und Wein werden auf dem Altar stehen. Wir werden an das Abendmahl erinnern, ohne es zu feiern und uns so darauf freuen, es hoffentlich bald wieder wie gewohnt feiern zu ­können.

In den vergangenen Wochen gab es von zahlreichen Prominenten und Semi-Prominenten Vorwürfe, die Kirche hätte in der Corona- Krise zu sehr geschwiegen?

Wir haben keineswegs geschwiegen. Wir haben uns von Anfang an in vielen Botschaften geäußert. Vieles gut hörbar öffentlich und anderes in unzähligen Hintergrundgesprächen, dort wo das geboten war. Und gerade an Ostern ist die Kraft der christlichen Botschaft doch besonders deutlich zum Ausdruck gekommen. Gerade in den Karfreitagserfahrungen der Menschen war die dann folgende ­Osterbotschaft sehr aussagestark, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, und wir rufen können: „Der Herr ist auferstanden!“ Dazu beigetragen haben auch die digitalen Formate: Dass wir mehr als zehn Millionen Menschen mit TV- und Radiogottesdiensten sowie mit Internetstreams erreicht haben, hat uns gefreut – das ist mehr als sonst.

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Wie geht es jetzt denn damit weiter?

Wir haben erste Untersuchungen gestartet, um die Erfahrungen, die die Gemeinden mit solchen Gottesdienstformaten gemacht haben, auszuwerten, Schon jetzt kann man sagen, dass wir diese Formate auf jeden Fall beibehalten und weiterentwickeln wollen. Das eine ist besser gelungen, das andere schlechter. Und natürlich muss das Streaming oder die Kurzandacht auf Facebook auch in das Zeitbudget all derer integriert werden, die es machen. Auch bei einem Livestream liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf dem eigentlichen Inhalt, also zum Beispiel der Vorbereitung einer guten Predigt. Aber es gibt auch andere Formate, die mehr Aufwand erfordern.

Ein Beispiel ist der Zoom-Gospelgottesdienst, den ich mit über 300 Menschen gefeiert habe. Das war mit viel Aufwand verbunden. Aber nicht für mich als Pfarrer, denn die Technik haben andere übernommen. Und am Ende hatten wir ein wunderbares Gottesdiensterlebnis und eine Kollekte von über 10.000 Euro für Menschen in Rwanda, die nicht nur von der Corona-Pandemie, sondern auch von schweren Überschwemmungen betroffen sind.

Wird die Kirche durch all das Digitale nicht auch steriler?

Das Digitale kann die Begegnung auch in einem Gottesdienst nie ersetzen. Es darf nicht an die Stelle von physischem Kontakt treten. Aber es kann eine Form der Teilhabe für Menschen sein, die sonst eher nicht den Schritt in eine Kirche wagen. Es ist eine interessante, komplementäre Form. Manches fehlt, anderes ist digital aber auch möglich. Bei dem Zoom-Gottesdienst mit dem Chor haben die Menschen ihre Gebete für andere sichtbar zum Ausdruck bringen können – in der Chatfunktion. Das empfand ich als sehr berührend. Eine derartige Beteiligung aller haben wir in traditionellen Gottesdiensten eher nicht.

Die Wirtschaft leidet massiv unter der Corona-Krise. Viele Menschen sind in Kurzarbeit. Und wenn die Einkommenssteuer sinkt, sinkt auch die Kirchensteuer – wie geht die Kirche mit den Einnahmeausfällen um?

Auf uns wird ein deutlicher Einschnitt zukommen, der uns aber nicht unvorbereitet trifft. Wir haben schon in den letzten Jahren inhaltlich an Konzepten für die Zukunft der Kirche gearbeitet, die uns jetzt helfen. Wir spannen in den Landeskirchen kurzfristig Rettungsschirme auf, etwa für Tagungshäuser, die natürlich massive Einnahmeausfälle zu verzeichnen haben. Auch andere Einrichtungen hatten während der Kontakteinschränkungen keine Einnahmen mehr. Wir müssen verhindern, dass sinnvolle und gute Arbeit einfach kaputtgeht, weil die Einnahmen coronabedingt wegbrechen.

Aber wir müssen uns mittelfristig auch die Frage stellen: Was können wir uns unter verschärften Bedingungen eigentlich noch leisten? Wir sind ja zum Glück vorbereitet – nicht zuletzt durch die sogenannte Freiburger Studie aus dem vergangenen Jahr. Und die EKD hat schon 2017 einen Ausschuss zur mittelfristigen Finanzplanung eingesetzt. Der bereitet die Umsetzung des Synodenbeschlusses vor, dass in der EKD bis 2030 rund 30 Prozent der finanziellen Mittel eingespart werden müssen. Denn wir werden nicht einfach so Kürzungslisten erstellen, sondern entscheiden entlang der Frage: Wohin wollen wir als Kirche?

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Können kleine Landeskirchen, wie etwa die Bremische Evangelische Kirche, 2030 noch selbstständig existieren?

Das ist eine Sache, die die jeweiligen Landeskirchen für sich genau prüfen werden. Die Frage, ob sich eine Landeskirche in der Lage sieht, mit einer anderen Kirche zusammenzugehen, wird nicht von der EKD entschieden. Das muss immer das Ergebnis von Abwägungen vor Ort sein: Was können wir gemeinsam besser machen? Und wo sind wir alleine stärker? Für Bremen müssen die Menschen in der Bremischen Kirche diese Entscheidung selbstständig treffen.

Wie sollte denn die evangelische Kirche nach Corona aussehen?

Die Kirche soll vor allem eine einladende Kirche sein. Sie soll das, was wir im Hinblick auf die digitalen Medien erlebt haben, wo Menschen neu in Kontakt zur Kirche gekommen sind, aufgreifen und fortsetzen. Die Menschen haben während der Corona-Krise die Frage nach dem wirklich Wichtigen in ihrem Leben neu gestellt. Darauf müssen wir Antworten geben. Für das Nachdenken darüber muss es einen Ort geben. Das muss aus meiner Sicht die Hauptaufgabe der Kirche nach der Corona-Krise sein.

Wie ist es mit den gesellschaftlichen Folgen der Krise?

Für mich ist ein neues Bewusstsein für unsere menschliche Verletzlichkeit sichtbar geworden. Mit der werden wir umgehen müssen. Dass ein Virus eine ganze Welt mehr oder weniger lahmlegen kann, hat die Grenzen der Machbarkeit deutlich gemacht. Das haben wir so nicht erwartet. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir umgehen können.

Das ist eine Herausforderung, die sich nach der Corona- Krise stellt. Und wir müssen zu Gemeinsinn und Zuversicht ermutigen: In der Krise haben wir erfahren können, dass Menschen, die gemeinsam herausgefordert sind, auch gemeinsam etwas bewegen können. Gleichzeitig gibt es auch eine Globalisierung der Verantwortung. Spätestens jetzt muss deutlich werden, dass man gegen ein solches Virus nur dann sinnvolle Strategien entwickeln kann, wenn man zusammenarbeitet.

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Aber zeigt Donald Trump gerade, dass man mit ihm zusammenarbeiten kann?

Es zeigt sich doch gerade in aller Deutlichkeit, dass Autokraten oder Populisten wie Trump, Bolsonaro oder Putin eben nicht die Lösung haben. Wenn man sieht, wo sich das Virus besonders stark ausgebreitet hat, ragen Brasilien und Russland ebenso heraus wie die USA. Deswegen ist eine erfreuliche Erkenntnis der Krise doch auch: Liberale Demokratien haben sich als fähig erwiesen, mit den Herausforderungen der Krise umzugehen.

Das Gespräch führte Benjamin Lassiwe.

Info

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm (60) ist seit 2011 Landes-­bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit November 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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