Ägypten hat in kürzester Zeit den Suezkanal ausgebaut – Schiffe können künftig in beide Richtungen fahren Ende der Einbahnstraße

Kairo. Nichts ist in Ägypten derzeit so oft zu sehen wie Schiffe, die aneinander vorbeifahren. Werbetafeln, Plakate und Fernsehspots zeigen Tanker und Frachter, die den „neuen Suezkanal“ in zwei Richtungen durchqueren – statt wie bisher nur in einer.
06.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Benno Schwinghammer

Nichts ist in Ägypten derzeit so oft zu sehen wie Schiffe, die aneinander vorbeifahren. Werbetafeln, Plakate und Fernsehspots zeigen Tanker und Frachter, die den „neuen Suezkanal“ in zwei Richtungen durchqueren – statt wie bisher nur in einer. An diesem Donnerstag wird die Erweiterung einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt eröffnet. In einjährigen Bauarbeiten wurde eine Parallelstrecke von 34 Kilometern zum alten Kanal gebaut sowie die Breite des Kanals auf 37 Kilometer Länge verdoppelt.

„Ägyptens Geschenk an die Welt“ prangt in großen Buchstaben auf der offiziellen Website. Ganz so uneigennützig sind die Ägypter natürlich nicht. Mit den hohen Gebühren für die Schifffahrtsrinne zwischen Mittelmeer und Rotem Meer – der kürzesten Verbindung von Asien nach Europa – will die Regierung mittelfristig die Einnahmen des Kanals mehr als verdoppeln. Auf mehr als 13 Milliarden US-Dollar (11,8 Mrd. Euro) im Jahr. Experten haben Zweifel, ob das klappt.

Die deutsche Schifffahrtsbranche freut sich jedenfalls. „Täglich durchfahren mehrere deutsche Handelsschiffe den Suezkanal“, sagte Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbands Deutscher Reeder (VDR). „Bisher mussten sie bis zu einem halben Tag warten, um den Kanal im Konvoi zu passieren. Die Erweiterung erleichtert die Durchfahrt, weil sich Schiffe nun begegnen können und die Wartezeiten entfallen.“

Zweifellos aber ist es beeindruckend, dass das erste einer Reihe von Megaprojekten unter Machthaber Abdel Fattah al-Sisi innerhalb nur eines Jahres realisiert werden konnte – noch dazu mit dem Geld normaler Bürger, die Kanal-Anteile in einem „patriotischen“ Akt kauften. Die unnormal hohen Renditeversprechen für die Zertifikate dürften dabei auch zur Investitionslust der Ägypter beigetragen haben.

Es ist das Prestigeprojekt für ein Land, dessen Ökonomie seit Jahren leidet: Die Wachstumsrate ist niedrig, die Jugendarbeitslosigkeit mit geschätzten 40 Prozent hoch. Die Staatsverschuldung nimmt zu. Jeder vierte Ägypter lebt von weniger als 40 Euro im Monat.

Der Ex-General Al-Sisi begegnet dem mit Megaprojekten. Neben der Erweiterung des Suezkanals soll eine neue Hauptstadt östlich von Kairo aus dem Boden gestampft werden. Es gibt Pläne für Ägyptens ersten 200-Meter-Wolkenkratzer und das erste Atomkraftwerk des Landes. Nicht zuletzt bescherte der Präsident dem Siemens-Konzern für den Bau von Gaskraftwerken den größten Auftrag der Firmengeschichte.

„Das dient vor allem der Propaganda – inwieweit da tatsächlich ein Wirtschaftskonzept dahintersteht, ist unklar“, resümiert Stephan Roll. Er ist Experte für ägyptische Wirtschaftspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Der Suezkanal sei dafür etwa ein gutes Beispiel: Zwar lasse sich dieser erweitern. Das heiße aber nicht automatisch, dass auch mehr Schiffe kämen. Erst im Juni waren die Einnahmen gesunken. Zudem seien während des Baus zwar kurzfristig viele, aber nur zeitlich begrenzte Arbeitsplätze geschaffen worden. Nachhaltigkeit kann Roll nicht erkennen: „Es ist eine militärische Weise, Wirtschaftspolitik zu betreiben. Nämlich am Reißbrett.“

Ein Problem ist die fehlende Attraktivität des Landes für dringend benötigte ausländische Geldgeber: Überbordende Bürokratie, grassierende Korruption, Intransparenz und eine angespannte Sicherheitslage schrecken westliche Firmen und reiche Unternehmer vom Golf ab.

Berichte von Anschlägen lassen schließlich auch Urlauber vor dem Einsteigen in den Flieger zögern. Millionen Ägypter leben vom Tourismus, wer sich ihnen als Journalist vorstellt, erntet gerne mal ein: „Ach, wegen dir kommen keine Menschen mehr her!“

Das Denken in Milliarden-Kategorien droht, den Mittelstand zu vernachlässigen. Während einige Fachleute an den erhofften Sickereffekten durch die Großprojekte zweifeln, bewertet Scherif al-Diwani, Direktor des Ägyptischen Zentrums für Wirtschaftswissenschaften, die Lage positiver: „Megainvestitionen sind ein tragfähiger Mechanismus, um einer Wirtschaft in Bedrängnis Starthilfe zu geben“ – so auch für Ägypten nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013.

Auch deswegen ist die Eröffnung des „neuen Suezkanals“ für Al-Diwani ein Grund zum Feiern. Schließlich verkörpere dieser das Engagement weiter Teile der Gesellschaft, die Zukunft zu verbessern. Momentan aber nutzt der große Tag vor allem einem: Al-Sisi. Am Nilufer in Kairo verkaufen Händler Poster mit dem Konterfei des Machthabers vor einem riesigen Frachtschiff. Nur das Reißbrett fehlt.

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